Eine der ehemaligen Führerinnen, Jahrgang 22, die ihre Kinder, wie sie mir mitteilte, ohne "Schwierigkeiten" in einem abgelegenen Forsthaus "großzog", findet "noch heute, daß uns allen diese Zeit sehr gut getan hat... Auch wenn die Kriegszeit sie überschattete" – und sie fragt mich um Rat, ob sie über dieses Thema (Kurzgeschichten) schreiben solle. "Ich weiß nicht", schrieb sie im August 1985, "ob ich es tun werde, denn es fiele mit Sicherheit sehr viel positiver aus als Ihre Schilderung, und ich möchte Sie nicht gerne als unglaubwürdig darstellen."

Unglaubwürdig? Kann derjenige, der den Zweiten Weltkrieg in einem zufällig sicheren Idyll überlebte, die Millionen Menschen Lügner nennen, die diesen Krieg am eigenen Leibe zu spüren bekamen? Auch wer "nicht annähernd so scnlimme Dinge erlebt hat, wie Sie es beschreiben", der hätte seit 1945 Zeit und Gelegenheit gehabt, nachzulesen, was rings um ihn (oder sie) her tatsächlich geschehen war. Doch offensichtlich hat keine dieser RAD-Führerinnen sich in den letzten vierzig Jahren gefragt, was sie bis 1945 getan hat, für wen sie tatsächlich "Ordnung und Pflichtgefühl" entwickelt und gefordert hat, wer diesen bürgerlichen Werten Schritt für Schritt ihren Sinn genommen und sie zu Eigenschaften des Verbrecherischen umfunktioniert hat.

Die Propagandalügen der NS-Zeit sind manchen Menschen so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie sie bis heute nicht loswerden und unverändert und unkommentiert in ihren Erinnerungsbüchern nachdrucken. "Wir waren eine große Gemeinschaft", lautet ein Satz aus der 1941 erschienenen und 1978 nachgedruckten Propagandaschrift "Ich war Arbeitsmaid im Kriege". An anderer Stelle heißt es: "... hier am Westwall arbeitet das deutsche Volk. Bauern, Arbeiter und Soldaten" und "Es gliederte sich alles in diese große Verteidigungslinie ein. Es war ein Bild der Ordnung und großartigsten Disziplin". Die Arbeitsmaiden "erfuhren keine Schonung .. wir lernten die Arbeit in ihrer ganzen Schwere kennen" und "die Herzen opferbereiter deutscher Menschen".

Das war das "einer für alle, alle für einen", das den jungen Menschen schon aus BDM und HJ vertraut war. Und "in der fröhlichen Gemeinschaft des Lagers vergessen wir immer wieder die bedrohlichen Vorzeichen".

Das Konzept des "Führers"

Dies Vergessen scheint ihren Führern lieb gewesen zu sein, und so vergaßen sie nicht nur die Vorzeichen des Krieges, sie verdrängten sie. Sie verdrängen bis heute, daß und wie ihre "fröhliche Gemeinschaft" mißbraucht wurde. "Der neue Brockhaus" sagte unter dem Stichwort "Reichsarbeitsdienst": "Die Aufgaben des weiblichen Arbeitsdienstes sind: Erziehung zum Nationalsozialismus..." Dieser Brockhaus stammt aus dem Jahre 1937. Zur gleichen Zeit konnten die damals Erwachsenen, unsere Eltern und unsere Führerinren, im Radio hören und danach in den Tageszeitungen nachlesen, wie das pädagogische Konzept des "Führers" aussah: "... wird eine Jugend heranwachsen, wovor sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich ... Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend ... Aber Beherrschung müssen sie lernen. Sie sollen mir in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen lernen."

Und ein Jahr später, 1938: "... dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei oder in die Arbeitsfront und so weiter. Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganz Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate geschliffen,... sie werden nicht mehr frei, ihr ganzes Leben."