Heute, 1985, schreiben ehemalige Arbeitsdienst-Führerinnen, "das Mädchenhafte in Haltung, Ausdrucksweise, Form wurde immer wieder betont". Alles, was in meinem Buch "Sonderappell" auf Drill und militärische Form hinauslaufe, sei "eine Erfindung der Gräfin". 1941 hatte Sophie Scholl während ihrer Arbeitsdienstzeit in ihr Tagebuch geschrieben: "Oh, sie nehmen einem mit diesem sturen Kommißgeist, der überall herrscht, bald jede Möglichkeit, seinen armen Geist noch ein wenig zu retten vor ihren Uniformen."

Gewiß, in vierzig Jahren vergißt man vieles und verschönt den Rest in der Erinnerung, damit man vor sich selbst, vielleicht auch vor seinen Kindern, bestehen kann. Trotzdem ist schwer begreiflich, daß sich keine dieser Frauen nach 1945 je gefragt hat: Wie haben wir uns so entsetzlich irren können? Wie sind wir so blind geworden? Wie haben wir uns das Gewissen so betäuben lassen? Besitzt keine den Mut, das zuzugeben? Warum weigert sich ihr Verstand, zu akzeptieren, was seit Jahrzehnten offensichtlich ist? Oder lastet doch das Schuldgefühl so schwer auf der Seele, daß die Lebenslüge gar nicht groß genug sein kann?

Den Führern und Führerinnen des Reichsarbeitsdienstes blieb es erspart, durch ein Entnazifizierungsverfahren zu gehen. Denn Konstantin Hierl, der damalige Reichsarbeitsführer, hatte es verstanden, seine Organisation außerhalb des Macht- und Einflußbereichs der Partei zu halten. Wer also RAD-Führer oder Führerin wurde, brauchte nicht in die Partei einzutreten. So standen Tausende von relativ jungen ehemaligen RAD-Führern und Führerinnen nach 1945 mit politisch weißer Weste da. Sie konnten sofort Verwaltungsbeamte oder Lehrer werden und brauchten nicht auf das Gesetz zu warten, das Jahre später auch den ehemaligen Parteigenossen erlaubte, in die Amtsstuben, Gerichte und Schulen zurückzukehren.

Lilo W. ist Lehrerin geworden, Geschichtslehrerin.