Von Wolfgang Gehrmann

Fort Knox ist noch unverschlossen. Weil das Laborgebäude nahe der Heidelberger Universität gerade erst neu gebaut ist und die Handwerker mit ihrer Arbeit noch nicht ganz fertig sind, fehlt an der Tür zum Kellerraum der Firma Progen Biotechnik noch das Schloß. Das muß sich schnell ändern.

Fort Knox – so nennt Progens Forschungsleiter, der Medizinprofessor Krishan Sethi den Keller scherzhaft, doch mit gutem Grund. In der Ecke steht ein hermetisch dichter Edelstahl-Container. In flüssigem Stickstoff ruht darin, eingefroren bei minus 180 Grad Celsius, das ganze Kapital der jungen Firma: von Forscherhand manipulierte Zellkulturen, aus denen neue Arzneimittel mit revolutionären Eigenschaften werden sollen – zum Nutzen der Medizin und zum ökonomischen Gewinn der Geldgeber von Progen.

Das Unternehmen experimentiert mit den neuesten Methoden der Mikrobiologie. Die Firma selbst ist auch ein Experiment – ein ökonomisches.

Vor zwei Jahren hat der Heidelberger Molekularbiologe Professor Ekkehardt Bautz mit drei Kollegen Progen gegründet. Die Wissenschaftler wollen kopieren, was ihnen Fachkollegen in den Vereinigten Staaten seit Mitte der siebziger Jahre hundertfach vorgemacht haben: Professoren der Biologie, kundig in den gerade entwickelten Techniken der genetischen Manipulation von Lebewesen und firm in anderen neuen Erkenntnissen der Zellbiologie, hatten dort Unternehmen aufgemacht, in denen sie ihr Wissen industriell verwerteten. Die erfolgreichsten von ihnen sind mittlerweile weltbekannte Firmen: Genentech, Cetus, Genex und Biogen. Sie haben in den USA eine neue Zukunftstechnik etabliert, welche die industrielle Welt im gleichen Maß verändern wird, wie die Mikroelektronik das tut – Biotechnik.

Zwei Jahre lang sah es so aus, als würde die Bundesrepublik die Entfaltung der neuen Technik verschlafen. Jetzt aber – die faszinierende Geschichte der Professorenfirma Progen ist ein Beleg dafür – bricht auch hier endlich der Bio-Boom in voller Stärke aus. Das ökonomische Experiment der Progen-Gründung nämlich scheint erfolgreich zu werden. Schon findet es allenthalben Nachahmer.

In Hamburg und Düsseldorf, in Berlin und München – wo immer an den Universitäten hierzulande renommierte Molekularbiologen lehren, sind Professoren und frisch diplomierte Biologen zum Amtsgericht marschiert, um ihre Laborfirmen ins Handelsregister eintragen zu lassen. Was sie dann als forschende Unternehmer entwickeln, verkaufen sie den großen Firmen jener Branchen, die von der Bio-Revolution noch vor der Jahrhundertwende erfaßt werden – Chemie und Pharmazie vor allem, aber auch Lebensmittelhersteller, Agrarwirtschaft und Anlagenbauer. Auf gut zwanzig ist die Zahl der neuen Bio-Boutiquen schon zu schätzen, ständig kommen neue hinzu.