Von Claudia Pai

Gemächlich tuckert der Zug durch das Allgäu. Er hält in Marstetten-Aitrach, 3000 Einwohner. „Es wird vielleicht etwas schwer sein, mich zu finden“, hatte sich Weiss noch am Telephon gesorgt, „ich wohne nämlich mitten im Wald.“

Vogelherd, dieses Drei-Häuser-Dorf, ist vom menschenleeren Bahnhof aus im Wald nicht zu entdecken. Ein freundlicher Postbeamter hilft: „Zu Doktor Weiss? Da fährt kein Bus. Nein, Taxis haben wir keine. Am besten halten Sie sich ein Stück die Wiese entlang, gehen dann den Berg am Waldrand hoch, so ’ne halbe Stunde lang. Herr Weiss wohnt links vom Forsthaus.

Rudolf Fritz Weiss, der gerade neunzig Jahre alt geworden ist, hat die moderne Phytotherapie begründet, die wissenschaftlich betriebene Pflanzenheilkunde. Jahrzehntelang konnte er als Arzt für innere Medizin sein Wissen in der eigenen Praxis überprüfen. Kaum jemand auf der Welt dürfte ihn an Kenntnis und Erfahrung auf diesem Gebiet übertreffen. Doch stets wirkte er, eher unbekannt, im stillen.

Das hat sich in den letzten Wochen geändert. Das Fernsehen drehte einen Film, zeigte den kleinen, weißhaarigen Mann inmitten seiner Entenschar im Allgäu. Die Heimatgemeinde Aitrach wählte ihn zum Ehrenbürger. Anläßlich seines neunzigsten Geburtstags lud die Universität Tübingen zu einem Symposium über „Phytotherapie als moderne Wissenschaft“. In diesem Jahr als Experte für Phytotherapie an die Tübinger Fakultät für pharmazeutische Biologie berufen, ist Weiss der älteste Dozent der Bundesrepublik. Den Rekord als ältester Gutachter am Bundesgesundheitsamt, in der Kommission E für die Zulassung von Medikamenten auf pflanzlicher Basis zuständig, hält er schon länger.

„In und mit der Natur, mit dem Wald und den Pflanzen will ich leben“, so charakterisiert sich der gebürtige Berliner selbst. Dem Prinzip blieb er sein Leben lang treu. Im vergangenen Jahr ist die sechste Auflage seines „Lehrbuchs der Phytotherapie erschienen, seit 1942 das Standardwerk der Pflanzenheilkunde. „Ich bin mit einem Buch großgeworden“, sagt Weiss. „Man wird nicht an der Anzahl der Bücher, sondern an ihrer Qualität gemessen. “

Verzetteln will er sich nicht. Seit siebzig Jahren kreist sein Denken und Handeln um die wissenschaftliche Erforschung der Pflanze, die – oft unterschätzt – zum Wundermittel zwielichtiger Kräuterdoktoren verkam.

„Ich war schon auf der Schule derjenige, den sie den Chemiker und Botaniker nannten“, erinnert er sich. Die Liebe zur Pflanze ist ihm so selbstverständlich, daß er sie kaum zu erklären vermag – „Das ist Veranlagung, da muß irgendein Gen dran schuld sein“, meint er. Die Leidenschaft für die Botanik entdeckte er als Schüler des naturwissenschaftlich ausgerichteten Charlottenburger Gymnasiums: „Von meinem zehnten Lebensjahr an hab’ ich Pflanzen gesammelt, ein Herbarium angelegt.“

Den Ersten Weltkrieg erlebte Weiss als „Freiwilliger Krankenpfleger vom Roten Kreuz“, seine Erfahrungen weckten in ihm den Wunsch, Medizin zu studieren – „Ich glaubte, da noch mehr als in der Botanik bewirken zu können.“ Botanik belegte er im Nebenfach. Später verfaßte er in Berlin neben seiner medizinischen Doktorarbeit gleich noch eine Arbeit in Botanik, über die Gipsflora im Südharz: „Da hatte ich häufig meinen Urlaub verbracht.“

Die Arbeit stellte er Professor Adolf Engler vor, dem Begründer des Botanischen Gartens in Berlin: „Der war wie ein väterlicher Freund zu mir und sagte lieber Weiss, Sie haben doch schon eenen Doktor, warum wollnse noch eenen machen? Geld hamwa alle nich, Sie müßten die Druckkosten selber bezahlen‘ – das war nämlich während der Inflation. Und so hab’ ich eben keinen zweiten Doktortitel. Aber der Engler fand die Arbeit so gut, daß er sie in seinem Botanischen Zentralblatt veröffentlichte.“

An der Berliner Charité wurde Weiss zum Facharzt für innere Medizin ausgebildet. Als Leiter eines Sanatoriums im Harz arbeitete er in den zwanziger Jahren praktisch mit Heilpflanzen. Zurückgekehrt nach Berlin, eröffnete er eine eigene Praxis. Die Berliner Akademie für ärztliche Fortbildung bat ihn, Vorlesungen über Pflanzenheilkunde zu halten.

Während des Zweiten Weltkrieges geriet er in russische Gefangenschaft. Medikamente und Lebensmittel fehlten. Als Arzt in dem Lager bei Küstrin bekämpfte er die Ruhr mit Hilfe von Gänsefingerkraut. Aus den Nadeln der Kiefern rund um das Lager braute er einen vitaminspendenden Tee. Nebenher legte er ein Herbarium an. Damit erregte er die Aufmerksamkeit der russischen Geheimpolizei. Die schleppte eines Tages sein Herbarium ab. „Die Russen waren ja für Heilpflanzen viel aufgeschlossener als wir“, erinnert er sich. Er wurde beauftragt, Vorträge über Pflanzenheilkunde im Lager zu halten.

Noch einmal interessierte sich ein Geheimdienst, diesmal der deutsche, für den Botaniker. Als Weiss, aus siebenjähriger Kriegsgefangenschaft entlassen, eine Praxis als Arzt für innere Krankheiten in Hannover eröffnet hatte, klingelte eines Tages das Telephon: „Hier spricht die Geheimpolizei, aber Sie brauchen keine Angst zu haben.“ Weiss amüsiert sich noch heute darüber. Der geheimnisvolle Anruf klärte sich auf: „Meine ehemaligen Kameraden hatten mich für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, und da mußten die natürlich gucken, wer das ist, nicht wahr?“ Weiss erhielt die Auszeichnung „Erster Klasse“ 1952 für seine Verdienste als Lagerarzt.

Siebzigjährig gab er die Praxis auf, zog nach Vogelherd. Nicht, um sich zur Ruhe zu setzen: „Ich wollte mich nun voll auf meine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren.“

Sorgsam räumt er den liebevoll gedeckten Frühstückstisch ab, sagt: „Ich habe so viel geredet, jetzt möchte ich Ihnen meinen Garten zeigen“, so, als ob der mehr über ihn aussagen könnte als seine Erzählungen. Wild und schön darf die Wiese hier blühen – Blumen und Unkraut wachsen durcheinander – „das nennt man ja heute nicht mehr so, das heißt jetzt Wildkraut“, räsonniert er. Von den Wühlmäusen, die seiner Wiese an die Wurzel wollten, befreite er sich auf natürliche Weise: „Die ganzen chemischen Mittel haben nichts geholfen, also hab ich mir Katzen angeschafft. Seitdem hab’ ich hier keine Wühlmaus mehr gesehen.“

Seit er Schafe hat, braucht er auch keinen Rasenmäher mehr. Enten watscheln neben den Gemüsebeeten, die so üppig sind, daß er als Selbstversorger durchkäme. Neben vielen anderen Heilkräutern steht – „natürlich“ – auch der Ginkgo im Garten. „Nun riechen Sie mal“, fordert er mich auf, erinnert an Goethes Lobpreis des Ginkgos im „Westöstlichen Diwan“.

Seine Originalität kommt auch bei den Tübinger Studenten an. Wenn er liest, ist der Vorlesungssaal regelmäßig überfüllt. Die Pharmaziestudenten rühmen den lebendigen Vortrag von Weiss, die freie Rede. Kritisch sehen Studenten wie Dozent die stiefmütterliche Behandlung der Pflanzenheilkunde nach dem Zweiten Weltkrieg. Über die Gründe dafür sagt der Altmeister der Phytotherapie: „Das war ja die Zeit der großen Reformen. Die chemisch-pharmazeutische Industrie kam auf. Die ganze Medizin wurde technisch, da hatte man für die einfachen Heilpflanzen nichts mehr übrig.“ Erst die Contergan-Affäre rüttelte die Menschen auf, der bedingungslose Glaube an die Chemie geriet ins Wanken: „Eine große Ernüchterung machte sich bemerkbar.“

Die Pflanzenheilkunde ist vorangekommen, nachdem sie lange Zeit in der Botanisiertrommel zweifelhafter Wunderheiler verschwunden war. Rudolf Fritz Weiss will die Phytotherapie vom Ruch der „Glaubenslehre“ befreien, wie Veronika Carstens, mit der er in Kontakt steht. Doch als „Alternative, wie das heute heißt“ zur traditionellen Schulmedizin will er die Phytotherapie nicht mißverstanden wissen – „ein Miteinander“, das ist sein Wunsch. Auf sein großes Vorbild Carl von Linné, Arzt und Botaniker wie er („nur größer“), kann er verweisen, auf jahrhundertealte Traditionen. In seiner Dankesrede beim Tübinger Symposium zitierte Weiss den griechischen Vorgänger Asklepios von Thessalien, dessen Lehre ihm Ansporn gewesen sei: „Erst das Wort, dann die Pflanze, zuletzt das Messer.“

Auf die Frage, welche Mittel er selbst anwende, stutzt er, zögert ein wenig. Glücklicherweise müsse er kaum Medikamente nehmen, antwortet er schließlich, außer – „hin und wieder etwas Weißdorn“.