Bereits im März letzten Jahres erhielt die japanische Firma Mitsubishi Heavy Industries Ltd. den Zuschlag für den Bau des zentralen Druckwasserbehälters im 300 Megawatt starken Leichtwasserreaktor Qingshan. Dieses Atomkraftwerk wird etwa 140 Kilometer südlich von Shanghai am Meer gebaut, es soll nach der Fertigstellung 1990 die halbe Leistung des deutschen KKW in Stade bringen.

In Chinas Atomkonzepten spielte die deutsche Industrie und Technologie bisher eine untergeordnete Rolle. Die Verhandlungen mit KWU und angekoppelten Atomkraftbetreibern deuten auf eine engere Zusammenarbeit im Technologietransfer hin. Doch China wird auf keinen Fall ein schlüsselfertiges Atomkraftwerk importieren.

Am Unterlauf des Yangtse-Flusses, 137 km westlich von Shanghai, sollen in zwei Schritten Reaktoren entstehen. Das Projekt trägt den Namen Sunan. Mit diesem Projekt hat sich die deutsche Industrie zweifellos in den Kreis der KKW-Betreiber katapultiert, die in China bereits fest im Geschäft sind. Nach jahrelangem Poker erhielten japanische und französische Anbieter den Zuschlag zum Bau von zwei Objekten, Daya Bay [1800 Megawatt) und Qingshan (300 Megawatt). Die französische Firma Framatome kam mit den Chinesen, die die schweizerische Beratungsfirma Swiss Power Consultants eingeschaltet hatten, nur deshalb ins Geschäft, weil sie sich von 4,6 auf 4,2 Milliarden Mark für Daya Bay herunterhandeln ließen.

Daß bei der Auftragsverteilung auch politische Überlegungen eine Rolle spielen, zeigt das britisch-chinesische Geschäft. Noch bevor ein Nuklearabkommen auf Regierungsebene abgeschlossen wurde, war der Vertrag zwischen der chinesischen Nuclear Energy Industrie Corporation (CNEIC) und der britischen Firma General Electric bereits unterzeichnet. Die Engländer liefern für das nur 80 km nördlich von Hongkong geplante Daya Bay die beiden 950 Megawatt leistenden Turbinengeneratoren. Das Politikum war, daß der Vertrag eine Rolle bei den Hongkong-Verhandlungen spielte. Aus informierten Kreisen wurde bekannt, daß Großbritannien den Großauftrag sozusagen als Belohnung für zügige Verhandlangen über die Rückgabe seiner Kronkolonie erhalten hat.

Arbeitsteilung

Wenn Daya Bay, der mit Pazifikwasser gekühlte Druckwasserreaktor, im Jahr 1991 ans Netz geht, wird es ein Sammelsurium japanischer, europäischer, amerikanischer und chinesischer Komponenten sein. Die Ausschachtungsarbeiten in der Freihandelszone Shenzhen werden von chinesischen Baggern vorgenommen. Die Betonmauern werden auch von chinesischen Firmen unter Aufsicht der staatlichen Guangdong Investment Company gegossen. Kurzum, das unterentwickelte China wird den Mantel stellen, die hochentwickelten Industrienationen dafür den Kern. Beteiligt am Bau und vor allem an der Teilfinanzierung ist die Hongkonger Firma China Light and Power. Mit hundert Millionen Dollar trägt deren Tochter, die Hongkong Nuclear Investment, 25 Prozent der Baukosten. Verrechnet wird sukzessive mit Stromlieferung. Erst 20 Jahre nach Fertigstellung soll Daya Bay in den Besitz des sozialistischen China übergehen.

Das Kernkraftwerk spielt eine zentrale Rolle für Hongkong, das ab 1997 unter chinesischer Flagge verwaltet wird. Nicht die Stromversorgung durch ein sozialistisches KKW (sie beträgt nur 15 Prozent des Hongkonger Bedarfs) ist ausschlaggebend, sondern die Schaffung eines Energienetzes in der zukunftsträchtigen Provinz Guangdong, die eines Tages zu einer Einheit mit Shenzhen und Hongkong verschmelzen wird. Politisch zumindest wird das Joint-venture Daya Bay beruhigend wirken, wirtschaftlich wird es noch lange nicht arbeiten und sicherheitsmäßig müssen noch viele Anforderungen an dieses hochmoderne Sammelsurium der ersten Reaktorgeneration gestellt werden.