Von Hans Jakob Ginsburg

Krefeld Ende September

Herbstkirmes in der niederrheinischen Großstadt: Amüsiert steigt der Oberbürgermeister aus dem Schlitten, mit dem er gerade einen künstlichen Berg hinuntergesaust ist. Dieter Pützhofen – jeder hier kennt ihn, viele duzen ihn, er duzt zurück – ist selbst Attraktion auf dem Rummelplatz. Die Krefelder genießen die neue politische Prominenz ihres Stadtoberhaupts. "Dieter, lies doch mal!" Zufällig weist das Ticket als Besitzer der Riesenrutschbahn eine Firma namens Worms aus. Der Oberbürgermeister lächelt. Wenige Stunden nach dieser Rutschpartie macht Bernhard Worms öffentlich bekannt, daß er den Kampf gegen den Herausforderer Pützhofen um den Vorsitz des mitgliederstärksten CDU-Landesverbandes aufgibt.

Kein böses Wort hat Dieter Pützhofen gegen Bernhard Worms, und man möchte ihm sein Mitleid mit dem katastrophal gescheiterten CDU-Spitzenkandidaten der nordrhein-westfälischen Landtagswahl glauben. Der Kampf um den Vorsitz der CDU in Rheinland war offenbar entschieden, als eine Mitgliederversammlung in Bonn vorige Woche die beiden Kandidaten aufmarschieren ließ und dann mit 337 gegen 28 Stimmen für den Krefelder votierte. Furchtbar sei die Bonner Vorstellungsrede des Bernhard Worms gewesen, berichtet Pützhofen: "Wenn mir ein Referent so eine Rede schriebe, den würde ich entlassen." Er glaubt fest an die Machbarkeit des politischen Erfolges durch gute Berater und Zuarbeiten Die hat Worms nicht gehabt. Als rheinischer CDU-Vorsitzender, so versichert Pützhofen, werde er erst einmal den lahmen Düsseldorfer Parteiapparat in Schwung bringen. Pützhofen ist das Gegenbild zu Worms, kein Exponent der klüngelnden Parteizirkel, sondern ein Einzelgänger – so stilisiert er sich jedenfalls.

Nach zwei Jahren auf dem Oberbürgermeisterstuhl erkämpfte der Krefelder 1984 die absolute Mehrheit bei der Kommunalwahl. Im Mai dieses Jahres fiel er als Direktkandidat für den Landtag zwar durch; aber in seinem Wahlkreis verloren die Christdemokraten weniger als in allen anderen 149 Distrikten. Darum hörten die rheinischen Christdemokraten auf den landespolitischen Novizen, als er nach der Niederlage als erster im Landesverband die Fusion mit dem Schwesterverband in Westfalen forderte. Und seitdem entdecken viele Parteifreunde an Dieter Pützhofen all das, was sie an Bernhard Worms vermißten: rednerische Gaben, gutes Aussehen, die Fähigkeit, beim Volk wie bei den Meinungsmachern und den politisch Nachdenklichen gut anzukommen. Politik, sagt Pützhofen selbst immer wieder, ist zum undurchschaubaren Geschäft geworden. "Die Leute wollen sich in einer unsicheren Situation an einer Person festhalten. Sie suchen sich jemanden, mit dem sie sich identifizieren, dem sie vertrauen können."

Vor der Wahlniederlage stöhnten die Christdemokraten an Rhein und Ruhr über die Spannungen zwischen den beiden Landesvorsitzenden, dem biederen Rheinländer Worms und dem umtriebigen Westfalen-Chef Biedenkopf. Der machte sich nach dem Debakel zum Vorkämpfer der Fusion und galt bislang als ihr Nutznießer. Biedenkopf bedachte den gebeutelten Worms mit Freundlichkeiten, unterstützte seine Wiederwahl zum Fraktionsvorsitzenden im Landtag und sah wohl in ihm den harmlosen Verwalter des rheinischen Verbandes bis zur Fusion.

Die Rechnung geht jetzt nicht mehr so klar auf. Pützhofen – der natürlich auch über Biedenkopf nur Gutes zu erzählen weiß – wird dem Professor nicht vergessen, daß seine Leute während der letzten Wochen Stimmung gegen ihn und für Worms machten. Wird Pützhofen Biedenkopf den Vorsitz des neuen, großen NRW-Verbands kampflos überlassen? Darauf heute zu antworten, sagt er, wäre ganz verkehrt. Würde er seine Kandidatur anmelden, gäbe es einen für beide schädlichen Konflikt. Würde er aber verzichten, "dann könnten die doch gleich den Worms wählen". Pützhofen ist ein Aufsteiger. Nur der Konkursverwalter des rheinischen Landesverbands zu werden, erschiene ihm absurd.