Deutschland – ein Plural: mit dieser Formulierung waren bisher gemeint die DDR und die Bundesrepublik. Am vergangenen Freitag traf es einen wie ein Schlag in den Magen: Auch durch dieses Land geht ein Riß. Am Vormittag verabschiedet sich die Nation vom Verleger Axel Caesar Springer in Berlin, am Nachmittag von Heinrich Böll in Köln. Die Nation?

Es war, als lebte man in zwei Vaterländern. Hat der konservative P.E.N.-Präsident, Martin Gregor-Dellin, recht mit seinem bitteren Satz: „Es gibt eine tiefe Kluft zwischen den deutschen Schriftstellern und der Bundesregierung“?

In Berlin: der Kanzler und der Präsident, Ministerpräsidenten, Bundesminister, Senatoren, Botschafter, Regierungs- und Exregierungssprecher, Großverleger. Kein Schriftsteller.

In Köln: kein Johannes Rau, kein Willy Brandt, kein Bundesminister (einige grüne Abgeordnete), kein Verleger (außer Neven-Dumont und Böll-Sohn René). Aber: Günter Grass und Christa Wolf, Siegfried Lenz und Lew Kopelew.

In Berlin: „Er war ein großer deutscher Patriot, der sich um das Wiedererstehen unseres Vaterlandes große Verdienste erworben hat“ (Worte des Kanzlers).

In Köln: „Ich kannte nach dem Krieg nur Haß – alle Deutschen waren für mich Verbrecher; nur das Werk von Heinrich Böll war die Brücke für mich zum Verstehen, Verzeihen – daß es auch andere Deutsche gab“ (Worte eines sowjetischen Regisseurs, die Lew Kopelew vorlas).

In Berlin: „Die führenden Persönlichkeiten des Staates... nahmen Abschied... Die Stufen zur Kirche von Kränzen übersät.“ Eine Art Staatsbegräbnis mit Peter Boenisch und Max Schmeling.

In Köln das Motto der Hommage an Heinrich Böll: „... die Suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land.“

Es war wie ein physischer Schmerz. Hatte der aus Berlin den in Köln nicht – in einer unbewohnbaren Sprache – hetzen und jagen lassen? Axel Caesar Springer, so sagt man, war ein nobler Mann mit eleganten Manieren, mächtig war er gewiß; aber seine Noblesse, seine Eleganz, seine Macht hat ihn nie so weit geführt, der unbarmherzigen Jagd seiner „unbewohnbaren“ Zeitungen auf den einsamen, machtlosen Schriftsteller Einhalt zu gebieten, der als „geistiger Ziehvater des Terrorismus“ geschmäht wurde. Der Patriot gab zeitlebens nie ein Zeichen der Versöhnung, der fromme Christ nie eine Geste dem unfrommen Katholiken.

Was für ein Land. Wohin gehört man? Am Grabe eines Menschen gehört sich keine Scheltrede, es wäre hoffärtig und pharisäerhaft – der Tod ist ein großer Demokrat. Doch wenn Geschichte sich solche Kapriolen erlaubt, zwei extremen Gegnern am selben Tag im selben Land (?) die letzte Ehre zu erweisen – dann darf das Gedächtnis nicht an der Kirchentür abgegeben werden. Da bohrt sich eben doch, plötzlich, peinigend, beißwütig geradezu die Frage: Lebte Rudi Dutschke nicht vielleicht noch, hätte es das Halali von Springers Lebenswerk Bild nicht gegeben? Lebte nicht gar der tief verletzte, rasend beleidigte Heinrich Böll noch, dem man – auch ein späterer Bundespräsident war. dabei – die Ehre abgeschnitten, den man in Resignation, Bitterkeit, Finsternis gestoßen hatte?

Moralische Prinzipien regierten Springers Arbeit und seine Ambitionen, heißt es. Wirklich? Immer? Oder waren es geteilte Moralitäten? Nachrufe – und das ist recht so – heben die positiven Lebenslinien hervor. Dies ist kein Nachruf, sondern ein Nachdenken. Es muß also erlaubt sein, sich des Verschlierten zu erinnern, mit dem Springer selber sein Bild getrübt hat seit vielen Jahrzehnten.

Ein großer Verleger – gewiß. Aber was verlegte er denn? Zumindest auch schlimm bedrucktes Papier. Er besaß, neben so vielem Kostbaren, zwar auch Barlachs Figurengruppe: Christus hält seinen zweifelnden Jünger Thomas in den Armen. Aber besaß er auch solche Arme?

Der andere, dort in Köln, wußte, wovon hier die Rede geht. Und es war kein Zufall, daß bei der Gedächtnisfeier im Gürzenich stürmischer Beifall der über tausend Anwesenden aufbrauste, als Günter Wallraff mit jesuitischer Strenge sich Weihekitsch verbat und bei Namen nannte, was man Böll angetan und wen er in den Arm genommen hatte: die Menschen unserer Konsum- und Profitgesellschaft, die daran gemessen werden, was sie leisten, und nicht daran, was sie leiden.

Wer hat gelitten, und wer hat leiden gemacht?

Fritz J. Raddatz