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Buchholz

Britta Helbing hat extra ihre offenen Halbschuhe angezogen. "Man muß das ja mal zeigen", sagt sie und schreitet trockenen Fußes durch das Quellgebiet des Pulverbaches im Buchholzer Stadtteil Holm-Seppensen. "Früher konnte man hier kaum mit Gummistiefeln längsgehen."

Ihr Hausnachbar Franz-Heinrich Pillkahn profitiert von dem niedrigen Wasserstand: bis zum Frühjahr stand der Pegel im Pumpenschacht seines Kellers einen Meter hoch, jetzt ist es dort knochentrocken. Ärgerlich nur: "Gerade hatte ich mir eine neue Pumpe gekauft."

Bauer Hermann Bruns in Handeloh hat ganz andere Sorgen: sein neun Meter tiefer Hausbrunnen ist versiegt. Jahrzehntelang sei für den Hof mit gut 100 Stück Vieh genug Wasser dagewesen, sagt er. "Und jetzt, wo Mutter und ich hier allein in der Küche sitzen, ist Schluß. Das kann doch nicht angehen."

Viele Bewohner im nördlichen Teil der Lüneburger Heide, etwa fünfzig Kilometer südlich von Hamburg, klagen über extrem niedrige Wasserstände, beobachten Gebäudeschäden und Veränderungen in der Natur.

"Schuld sind die Hamburger Wasserwerke, die seit mehr als zwei Jahren Trinkwasser aus der Nordheide abpumpen", glaubt die Interessengemeinschaft Grundwasserschutz Nordheide (IGN). "Eine Fülle von Kleinereignissen, deren Ursache unklar ist", meinen dagegen die Wasserwerke und machen außerdem "Klimaschwankungen" verantwortlich.

Seit die Bezirksregierung Lüneburg 1974 den Hamburger Wasserwerken die Entnahme von jährlich 25 Millionen Kubikmeter Trinkwasser aus dreißig Brunnen nahe dem Naturschutzgebiet Lüneburger Heide genehmigten, streiten sich Gegner und Befürworter über mögliche Folgen. Keine Frage ist, daß die Entnahme des Wassers aus 90 bis 350 Meter Tiefe den Grundwasserspiegel weithin absenkt. Doch während die Wasserwerke nicht mit schlimmen Folgen rechnen, befürchten Umweltschützer die Zerstörung wertvoller Feuchtgebiete.

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Sie sehen verheerende Folgen für die einzigartige Kulturlandschaft voraus, sprechen vom "Mord an der Heide" und reimen: "Der Elbe-Mord fing langsam an – die Heide ist wohl schneller dran." Fazit: "Lüneburger Wüste – nein Danke!"

Befürworter des Projekts werfen den Gegnern "böswillige" Stimmungsmache vor, registrieren eine "Umwelthysterie" und fragen, wie denn, bitte schön, ein Gebiet noch zur Wüste werden könne, das eh schon größtenteils völlig trocken sei.

Beide Seiten stützen ihre Argumente inzwischen auf einen Berg von Gutachten, wissenschaftlichen Untersuchungen, Prognosen und Spekulationen. Die Trinkwasserentnahme in der Nordheide wurde zum "bestuntersuchtesten Projekt mit langfristiger Beweissicherung in der Bundesrepublik", urteilte das Umweltbundesamt in West-Berlin und stellte gleichzeitig unmißverständlich fest: "Die Entnahme muß .zwangsläufig zu erheblichen Risiken für den Naturhaushalt des betroffenen Raumes führen’."

Bezirksregierung und Wasserwerke gestehen denn auch ein, daß 166 Hektar des 20 000 Hektar großen Naturschutzgebietes Lüneburger Heide "möglicherweise" durch die Wasserentnahme beeinflußt werden könnten, aber: "Wenn wirklich irgendwo Wasserstände in einem Feuchtgebiet abfallen sollten, gibt es eine Reihe probater und wirksamer Mittel, um dort Abhilfe zu schaffen", versichert Ernst Bewersdorff, Sprecher der Wasserwerke.

"Dann kann es bereits zu spät sein", warnt Gerhard Schierhorn von der Interessengemeinschaft. Stark bedroht seien die Bach- und Flußtäler, Auen und Feuchtgebiete in der Nordheide. "Die Wasserstände sinken hier dramatisch, trotz des doch wirklich regenreichen Sommers", meint der Naturschützer Matthias Buchen.

Er zeigt auf die Piepenwiese direkt im Naturschutzgebiet, südlich des kleinen Heideörtchens Wesel. Hier hatte die Bezirksregierung vor einigen Jahren in einem Quellgebiet kleine Inseln und mehrere Teiche angelegt, um Kraniche und Reiher anzusiedeln. Heute ist das Gebiet nahezu trocken, nur auf dem Teichboden stehen noch ein paar Pfützen. "Der Wassserstand ist hier um etwa einen halben Meter gesunken", sagt Matthias Buchert.

"Natürlich können wir nicht unzweifelhaft belegen: Das kommt allein von der Wasserentnahme’, meint Jagdpächter Peter Wichmann, der das Gebiet schon seit rund zwölf Jahren beobachte. "Wir können nur feststellen: Es sind heute Wasserstände da, die uns nicht normal vorkommen."

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Hamburgs Energie-Senator Jörg Kuhbier reichen solche Anzeichen nicht: Der Vorstandsvorsitzende der Hamburger Wasserwerke akzeptiert nur wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse, bei denen die Pegelstände der vergangenen Jahre, die Klimaverläufe, sowie die wasserbaulichen Maßnahmen im Entnahmegebiet berücksichtigt werden. Neue Verhandlungen mit Niedersachsen über die Wasserentnahme findet er zum jetzigen Zeitpunkt deshalb "überflüssig".

Dies könnte sich bald ändern. Nachdem der etwa 3000 Quadratmeter große Fischteich von Rechtsanwalt Kurt Seegers in Sahrendorf am Rande des Naturschutzgebietes zum zweiten Mal innerhalb dieses Jahres ausgetrocknet war, rückten Beamte des Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung an, um die Ursache herauszufinden.

Die Hamburger Wasserwerke haben den Teich daraufhin zum zweiten Mal unentgeltlich mit frischem Heidewasser aus dem örtlichen Versorgungsnetz wieder aufgefüllt. "Sollten wir dem Mann den Teich trocken lassen, bis in zwei Jahren gerichtlich entschieden ist, woran es lag?" fragt Sprecher Bewersdorff. "Das hat überhaupt nichts mit einem schlechten Gewissen zu tun, sondern nur etwas mit sofortiger Hilfe."

Die toten Karpfen des Rechtsanwalts hat dies allerdings nicht wieder zum Leben erweckt. Inzwischen ist der Teich erneut ausgetrocknet.

Rund 143 Millionen Kubikmeter Wasser verbraucht Hamburg jährlich. Industrielle Abfälle und Giftmülldeponien gefährden die Versorgung der Großstadt aus eigenen Ressourcen. Elbwasser ist schon seit 1964 nicht mehr brauchbar aufzubereiten. "Die Leute in der Nordheide können nicht verstehen", meint Naturschützer Gerhard Schierhorn, "warum sie die Sünden der Hamburger Wasserverschmutzer ausbaden sollen."

Hans-Ulrich Stoldt