Endlich ein literarisches Photobuch, das höchsten professionellen Ansprüchen genügt: gewählter Ausschnitt, Tiefenschärfe, Kontrast, Abstimmung der Formate, Rhythmus der Seiten. Keine Untertitel, keine abgehobenen Kommentare: Der Text ist im Bild.

„Hotel Kummer“ und „Hotel Mozart“ stoßen zusammen, wie verschieden kann „Milch“ an der Hauswand erscheinen, als Signal, wie hat der Verfall einen alten Firmennamen je nach Fassadenputz individualisiert, aus dem Buchstaben O wird OO und Doppelauge in „Neooptik“, „to t“ ist der Rest eines geahnten „Lotto Toto“.

Bodo Hell, Jahrgang 1940, Schriftsteller, Texter, Hörspielautor sah sich vor sechs Jahren nach seinem ersten Almsommer als Schafhirt plötzlich in einen „Schriftlärm“ heimgekehrt, plötzlich war ihm seine Heimatstadt Wien so fremd wie einem Touristen etwa Chinatown oder Kashba. Entzifferungsrausch.

Schriftphotos haben schon viele gemacht, als Gag oder Kuriosum, hier aber ist aus Tausenden von Aufnahmen eine „Stadtschrift“ systematisiert und klassifiziert worden. Nicht stumpf-seriell, sondern flanierend, lustvoll-assoziativ nach Gruppen und Kontrasten geordnet, mit kindlichem Wundern und zugleich mit einer weisen Ironie, der nichts Menschliches fremd ist, tut sich etwa eine Sammlung von eitelsten Initialen auf, von mächtigen Adjektiven („Total“), von Mädchennamen („wobei eine hochaufgerichtete Bettina mit einer hingegossenen Clarissa konkurrieren mag“), monumentale Letternüberdehnungen (über mehrere Doppelseiten), weil auf Augenhöhe aus einem Doppeldeckerbus aufgenommen, rätselhafte Verweise – ein R mit Pfeil ist alles, was noch an „Luftschutzkeller“ erinnert.

Gewissermaßen als Nachwort ein staccato-Text, eine Fahrt in eben diesem Doppeldeckerbus, ein Katarakt nun auch jener Stadt-Imaginationen, die nicht zu photographieren sind.

„Ist das so interessant, daß Sie das photographieren müssen“, mäkeln im Wiener Nasalton Passanten, wenn ihnen das Stativ im Weg steht. Nun ist Wien eine besondere Stadt, wo Generationen von Schriften zusammenleben, aber wer dieses Bildbuch nicht nur angesehen, sondern durchgelesen hat, dem wird auch seine eigene langweilige Stadt neu erscheinen, merkwürdig, vielsprachig, vielversprechend. Der „Chiron“ etwa taucht auch in unseren Städten auf, der heilkundige Zentaur, Lehrer des Achill: ach, eine Kompressorfirma steckt dahinter. Historie in jedem Schriftzug, in jedem Namen.

Aber wieso hat Schrift einen so intensiven sinnlichen Charakter? Philosophisch kaum analysierbar ohne schwierigste Widersprüche – das Geheimnis von „images trouvées“ ist ihre Evidenzkraft. Das Buch ist auch eine Märchen-Sammlung der Schriftbilder in letzter Minute vor Abbruch und Design. (Bodo Hell: „Stadtschrift“, edition neue texte, Linz, 1983; 168 S., 24,– DM.)

Georg Jappe