/ Von Wolfgang Gehrmann

Der Dank des Ministers ging an die richtige Adresse. "Ich danke", so sprach Norbert Blüm vor den versammelten Delegierten der CDU-Sozialausschüsse, "ich danke dem ungenannten Mitglied, das durchhält, auch wenn es manchmal die Schnauze voll hat. Ich stelle mir den Kollegen X manchmal vor, wie er morgens in den Betrieb geht und es heiter gelassen erträgt, wenn er als Schwarzer zum tausendstenmal von den Arbeitskollegen auf den Arm genommen wird."

Der Dank des Ministers war auch angebracht. Niemand anders nämlich als Norbert Blüm selbst schafft Anlässe dafür, daß die Funktionäre und Mitglieder der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) seit Monaten in ihren Betrieben Spießruten laufen müssen. Als Chef der CDA gilt Blüm – und gilt seine Gefolgschaft – als das soziale Gewissen der CDU. Doch als Bonner Arbeitsminister exekutiert er seit drei Jahren eine Sozialpolitik des Sparens und Schneidens, die bei Arbeitnehmern, Gewerkschaftern und Sozialdemokraten im Odium steht, Armut zu schaffen.

Blüms Gefolgsleute in den Sozialausschüssen treibt das in tiefe politische Schizophrenie. Sollen sie Blüm und der Regierung Kohl die Treue halten, obwohl offenkundig am Kabinettstisch in Bonn die Neoliberalen der FDP und des CDU-Wirtschaftsrats das Sagen haben? Oder sollen sie den DGB-Gewerkschaftern in den Reihen der CDA folgen, die gegen den Sozialabbau der Koalition scharfmachen?

Die Bundestagung der Sozialausschüsse am vergangenen Wochenende in Saarbrücken drohte Norbert Blüm um seine politische Hausmacht zu bringen. Die Union lief Gefahr, die Gefolgschaft der Arbeitnehmer zu verlieren, die 1983 die Bundestagswahl zugunsten der Christdemokraten entschieden hatten.

Den dringend gebotenen Dank an das ungenannte CDA-Mitglied verband Norbert Blüm deshalb vorsichtshalber mit einem Mitgefühl ganz besonderer Art. "Übelkeit befällt ihn aber", so empfand der Minister die Gemütsverfassung des gebeutelten Kollegen X im Betrieb weiter nach, "wenn er die Zeitung der IG Metall aufschlägt und sich die primitive Hetze ansehen muß. So schlecht kann eine Regierung, selbst wenn sie wollte, eigentlich nicht sein, wie diese hochbezahlten Schmierfinken die Politik der Bundesregierung darstellen."

Blüm muß wohl wissen, wovon er sprach. Er selbst ist Mitglied der IG Metall. Brechreiz bereitet dem Minister, daß die Metaller an der Spitze einer Kampagne marschieren, die in der bevorstehenden Woche die Arbeitnehmer in bundesweiten Demonstrationen gegen Arbeitslosigkeit und Blüms Sozialabbau mobilisieren will.