Viele Gerüchte, keine Zeugen – Die Polizei jagt den Liebespaarmörder

Von Johannes von Dohnanyi

Seit ein Sankafahrer auf dem Parkplatz für Behinderte die Patrone gefunden hat, herrscht dicke Luft in den gekachelten Korridoren des Krankenhauses "Santa Maria Annunziata". Die Pfleger bespitzeln sich gegenseitig. Einige wollen den Besitzer der Pistolenkugel Marke Winchester Serie H, Kaliber 22, unter den Kollegen der Gynäkologie identifiziert haben. Die Pornohefte, die die Polizei in den Räumen des männlichen Klinikpersonals sichergestellt hat, heizen das Klima der Verdächtigungen und des Mißtrauens weiter an. "Das Monster ist unter uns", spricht eine Krankenschwester das aus, was viele denken.

"Das Monster" – das ist der unheimliche Liebespaarmörder, der seit nunmehr siebzehn Jahren auf den Hügeln um Florenz sein Unwesen treibt. Sechzehn Menschen hat der Massenmörder in dieser Zeit nicht nur einfach umgebracht, sondern grausam geschlachtet. Die Beretta-Pistole, aus der die Winchester-Kugeln abgefeuert werden, ist dabei immer nur das Instrument der Ouvertüre gewesen. Die Schußwaffe stoppt die Opfer, tötet sie auch. Doch das eigentliche Ritual beginnt erst mit den wütenden Messerstichen in den leblosen Körper des Mannes und der Amputation der linken Brust und der Scham von der weiblichen Leiche. Augenzeugen hat es nie gegeben. Mehr als anderthalb Jahrzehnte lang ist es dem "Monster" gelungen, ein Phantom zu bleiben, das wie ein Alptraum auf Florenz, seinen jugendlichen Liebespaaren und ihren Eltern lastet.

Grausige Post

Auch Nadine Mauriot und Jean Michel Kravichvili hatten keine Chance, als der Mörder sie in der Nacht zum 8. September in zärtlicher Umarmung in ihrem Zelt am Rand von San Piero a Sieve überraschte. Von hinten, so haben die Spurenexperten der florentinischen Mordkommission inzwischen festgestellt, hat sich das Monster angeschlichen, das Segeltuch aufgeschlitzt und sofort geschossen. Daß die Polizei von Florenz seit Anfang des Sommers davor gewarnt hatte, sich nachts allein an unbeleuchteten Plätzen zu treffen, konnte das französische Touristenpaar nur schwerlich wissen. "Der Mörder ist hochintelligent", faßt Staatsanwalt Francesco Fleury seine grausigen Erkenntnisse zusammen. "Er hat begriffen, daß die Jagd auf italienische Liebespaare inzwischen gefährlicher geworden ist."

Fleury und die Sonderkommission "Monster" hatten sich gewissenhaft auf den Tag X in diesem Sommer vorbereitet. Aus den Erfahrungen der letzten fünf Jahre mußten sie mit einer Rückkehr des Massenmörders in der heißen Jahreszeit rechnen. 13 bis 15 Monate hat es in der Vergangenheit gedauert, bis der offensichtlich geisteskranke Verbrecher seinem krankhaften Sexualschub nicht mehr widerstehen konnte. Zivilstreifen waren in der Mordnacht unterwegs. Die Zahlstellen an den Autobahnausfahrten um Florenz waren angewiesen, Nummernschilder und Personenbeschreibung aller männlichen Alleinreisenden zu melden.