Blues, Swing und dergleichen

Von Michael Naura

Jazz ist Musik mit der größten Adhäsion weit und breit. Wann immer er in die Nähe von neuen und alten Klängen geriet, es blieb etwas davon in seinen Kleidern hängen, begann aber auch mehr und mehr seine eigentliche Gestalt zu verdecken. Die Klangzertrümmerungen der Neutöner, der Minimalismus Steve Reichs, der Mystizismus der altindischen Meister, das Schrille des Punk, die rhythmische Allgewalt des Rock sind Schnell-Ehen eingegangen mit dem Jazz, ohne ihn unter ihren Pantoffel zwingen zu können. In Phasen der Ermattung haben jene Einflüsse eine belebende Wirkung gehabt, gelegentlich sogar evolutionäre Prozesse stimuliert, nie aber konnten sie die Wurzeln des Jazz, gleichsam den "ewigen Jazz" beschädigen.

Das was die Ewigkeit, das Immergültige des Jazz ausmacht, ist der Swing jene subtile rhythmische Nuance, die Duke Ellington mit seinem berühmten Satz "It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing" zum Dogma erhoben hat. In diesen rasenden Zeiten, wo ein Trend schon den anderen ablöst, noch bevor man Zeit gehabt hat, eine Schallplatte umzudrehen, in dieser Zeit der Einweg-Musik und der fast food-Klänge ist es gut, sich dem Jazz mal wieder mit geschichtlichen Ohren zu nähern. Sonst glauben unsere lieben Kleinen wirklich, die Kunst des Saxophonspiels hätte in der Band der englischen Pop-Sängerin Sade ihren Anfang genommen.

Gruppenbild mit drei Damen

Hervorragend geeignet, um in diesem Sinne die Erinnerung aufzufrischen, den Abenteurer Jazz aus seinen Verkleidungen, aus seinen Maskeraden zu befreien, um sich dann an seinem nackten Leib zu ergötzen, sind dreißig Langspielplatten, die CBS in diesen Tagen auf den Markt gebracht hat. Es handelt sich dabei um Wiederveröffentlichungen, die swingenden Jazz aus über drei Jahrzehnten (Anfang der dreißiger bis Ende der sechziger Jahre) unter dem suggestiven Titel

"I Love Jazz"; CBS 21058-21125