Von Aloys Behler

Ein bißchen Frechheit gehört zum Geschäft. Keß, aber offensichtlich nicht ins Blaue hinein, hatte Wilhelm Bungert, Teamkapitän der deutschen Tennismannschaft, vor dem Davispokal-Halbfinale gegen die ČSSR das Schicksal provoziert mit der Prognose: "Wir gewinnen 4:1." Sie gewannen 5:0, was auch die dickste Lippe nicht zu prophezeien gewagt hätte, und haben damit das Finale des Davispokal-Wettbewerbs erreicht. Vom 20. bis zum 22. Dezember wird – in der Dortmunder Westfalenhalle oder in der Münchener Olympiahalle – Schweden der Gegner sein. Für den Deutschen Tennisbund ist heute schon Weihnachten.

Zumindest drei weitere Monate lang richten sich in der Bundesrepublik aller Augen auf den Daviscup, auf Tennis. Der kleine Ball hat mächtig aufgeholt in der Popularitätskonkurrenz mit dem großen: König Fußball schlägt hier und da schon verschämt die Augen nieder, wenn die Burschen mit dem Racket kommen, und Bundesligatrainer sollen, hört man, inzwischen dazu übergegangen sein, ihre Kicker mit dem Blick auf Boris Becker zu motivieren. Advantage Tennis.

Boris Becker, natürlich. Er hat auch den jüngsten Davispokalsieg möglich gemacht. Ist es überhaupt noch erlaubt, Zweifel daran zu haben, daß er die erwarteten Punkte planmäßig einbringt? Die knapp zehntausend Zuschauer in der dreimal ausverkauften Frankfurter Festhalle hatten nicht mal Gelegenheit, um ihn zu zittern. Den ganz selbstverständlichen Erwartungen wurde er auch ganz selbstverständlich gerecht. Eine schon beinahe undankbare Rolle.

Als souveräner Sieger durch die Bank machte Boris Becker die Bühne frei für einen anderen. Der eigentliche jugendliche Held der Vorstellung war Michael Westphal. Vom denkwürdigen Kampf des 20jährigen Pinnebergers, Weltranglistenplatz 54, gegen den neun Jahre älteren Tomas Smid, Weltranglistenplatz 17, wird mancher Festhallenbesucher noch seinen Enkeln erzählen; in diesem Match schlug das Herz der Veranstaltung. 85 Spiele oder fünf Stunden und 29 Minuten lang lieferten sich Westphal und Smid der Grausamkeit des Tennisgesetzes aus, das kein Unentschieden kennt, ehe ein endlich verwandelter Matchball sie beide erlöste. Am späten Nachmittag hatten sie angefangen, und in der Stunde vor Mitternacht waren sie völlig fertig.

Kein Zweifel, es wurde Tennis gespielt, hervorragendes, mit zunehmender Spieldauer immer besseres Tennis. Aber auch Tennis von einer Unerbittlichkeit, daß man zeitweilig ein Ringseil um den Court gespannt zu sehen meinte – ein Tennisduell wie ein Boxkampf: keiner wankte, keiner wich. Die Zehntausend auf den Rängen, vom Hallensprecher gelegentlich freundlich ermahnt, daß man nicht beim Sechstagerennen sei, folgten dem Schlagabtausch mit wachsender Begeisterung, einseitig, aber nicht unfair in ihrem Enthusiasmus.

Spätestens seit der junge Jimmy Connors Mitte der siebziger Jahre die Gentlemen Laver und Newcombe nacheinander zu "Kämpfen des Jahrhunderts" in die Arena von Caesars Palace in Las Vegas forderte, ist Tennis nicht mehr, was sich Leute darunter vorstellen, die es noch in langen, weißen Hosen betrieben haben. Die Begriffe Tennis und Großkampftag schließen einander nicht mehr aus. Bisher wußten wir in Deutschland davon eigentlich nur vom Hörensagen. Dank Boris Becker haben wir nun auch hierzulande eine Ahnung davon bekommen, wie es ist, wenn die Champions in den Ring steigen. Unter der Hitze in der Frankfurter Festhalle löste sich sogar der Teppichboden; zeitweilig drohten Hals- und Beinum! Abbruch.