Während der Frankfurter Buchmesse werden nicht nur der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels" und der "ZEIT-Preis für kleinere Verlage" vergeben, sondern es wird auch bekanntgegeben, wer den ebenfalls mit 50 000 Mark dotierten "Arno-Schmidt-Preis" im kommenden Jahr erhalten wird. Der Preis wurde gestiftet von Jan Philipp Reemtsma, seiner "Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kunst" und seiner "Arno-Schmidt-Stiftung". Der Preis wird alle zwei Jahre verliehen, an Künstler, die zum Werk und zum Denken des Schriftstellers eine Beziehung haben. Bisher bekamen ihn Hans Wollschläger (1982) und Wolf gang Koeppen (1984). Hier schlägt der durch seine Vorstellungen als Ein-Mensch-Theater, Zauberer und als Autor bekannte Natias Neutert, Ganzheitskünstler, seinen eigenen Kandidaten vor.

*

Auf eine Weise, die rar ist unter Superreichen, verzaubert Jan Philipp Reemtsma die tote Last des Kapitals in die lebendige Lust des Kunstgenusses: Mit vollen Händen gibt er sein Millionenerbe für die Dichtkunst aus. Berühmt die Geschichte, wie er Arno Schmidt, weil der bei der Verleihung leer ausging, den Scheck in Höhe des Nobelpreises aushändigte.

Auch der von ihm gestiftete "Arno-Schmidt-Preis" ist kein Pappenstiel. Mit fünfzigtausend Mark dotiert, stellt er dem Preisgekrönten, zieht man die Inflationsrate ab, ein hübsches Sümmchen bezahlter Arbeitszeit zur Verfügung. Laut Satzung wird er für "hervorragende Leistungen auf einem der Arbeitsgebiete Arno Schmidts" vergeben. Ein Anspruch, der in seiner sperrangelweiten Offenheit allzuviele in Frage kommen ließe, wäre da nicht das kleine Wörtlein "hervorragend". Ein Adjektiv, das auf die bisherigen drei Preisträger voll zutrifft.

Wie aber kommt ein Autor zu dem Preis, dessen hervorragende Leistung auf einem der Arbeitsgebiete nicht unübersehbar hervorragt? Weil sie bislang nicht ins Bewußtsein der literarischen Öffentlichkeit gedrungen ist? Daß es solche Fälle gibt, beweist "V" von Thomas Pynchon. Trotz zweier Anläufe, der erste 1968 im Karl-Rauch-Verlag, der zweite 1976 bei Rowohlt, ist der außer-ordentliche Roman eine Weile völlig untergegangen. Oder Ernst Jandl? Zehn Jahre war er als Autor praktisch nicht vorhanden, "außer für sich selbst", wie er in dem Band "Die schöne Kunst des Schreibens" beklagt. Was aber soll ein Nicht-Vorhandener machen, wenn er Jandls Zähigkeit nicht besitzt? Soll er sich – Dalí nachäffend – wie Rainald Goetz mit einer Rasierklinge die Stirn blutig ritzen, damit man merkt, daß es ihn überhaupt gibt?

Der Name des "Großen Unbekannten", um den es mir hier geht, fängt mit "R" an, wie Remittende oder besser noch wie Roman, weil es genau sein Arbeitsgebiet ist, auf dem er Hervorragendes geleistet hat. Sein geniales Debüt gibt er 1967 dort, wo auch Schmidt es einst gab: bei Rowohlt. Nennen wir seinen Erstling, wie auf James-Toyce-Symposien üblich geworden, mit einem Titel-Kürzel einfach "NN". Wie Schmidts erstes Buch, der "Leviathan", wird auch NN von ein paar Kollegen euphorisch begrüßt, übertrifft diesen, was Kühnheit in Weltanschauung, Sprache und Prosa-Architektur betrifft, aber um etliches. Ein Einstieg in die Literatur jedenfalls, den Peter O. Chotjewitz wegen der Radikalität im Nachwort als "Letzling" apostrophiert. Blieb Schmidts "Leviathan" noch der Zeit Euklids verhaftet, so war der "NN" von R. ein Versuch, "Handschuhe im vierdimensionalen Raum auszuwechseln", wie Ludwig Hang in der FAZ rühmte.

Aus den Andeutungen schon geht hervor, daß es sich hierbei um ein starkes Stück Literatur handelt, dessen extreme Experimentierlust auf den Leser erst überspringen muß. Klar, daß eine so "schwierige Lektüre der geschicktesten Werbemaßnahmen bedurft hätte. Von den Verlagsvertretern war das kaum zu erwarten, nachdem sie davon läuten gehört hatten, daß der "Nämlichkeitsnachweis" das Ende der Literatur einleiten solle. Was nicht weggeht wie warme Simmein, fällt bei ihnen ohnehin unter das Stichwort Verdrängen, statt Vertreten. So stapelt sich der Großteil der Zweitausender-Auflage im Verlagslager, und der Autor geriet in die von Jandl kritisierte Misere: "Ein Autor, der es nur für sich selbst ist, ist keiner."