Von Peter Glotz

Ich gebe zu, daß mich das nicht unbeeindruckt läßt: Da geht einer her in Zeiten wie diesen und fordert als Antwort auf die Krise eine neue bindende Ordnung für Wirtschaft und Gesellschaft, eine Rückkehr zu "den Gesetzen der Ordnung menschlicher Gesellschaft", den Aufbau eines ORDO (tatsächlich in Großbuchstaben), einer "Mutter Ordnung". Soviel Gelassenheit kann nur ein Konservativer aufbringen. Mir schiene ja eher, daß wir in einem Umbruch leben, und daß in einer dynamischen Zeit Ordnungsmodelle, die im Grundsatz statisch sein müssen, nicht taugen. Mir scheint, daß wir nach langer ruhiger Fahrt auf einem breiten Strom des Wachstums in die Stromschnellen des Strukturwandels geraten sind, die voller Gefahren sind, aber uns vielleicht auch zu neuem Wachstum und neuer Lebensqualität tragen. Mir scheint, daß der Ritt auf dem Tiger der technologischen Entwicklung das Absteigen gefährlich macht. Aber die technische Revolution kommt in Kurt Biedenkopfs neuem großen Buch bezeichnenderweise gar nicht vor:

Kurt H. Biedenkopf: Die neue Sicht der Dinge. Plädoyer für eine freiheitliche Wirtschafts- und Sozialordnung; Verlag R. Piper, München 1985; 459 S., 44,– DM.

Seine Tendenz geht auf Begrenzung, Ordnung, Gleichgewicht. Theoretisch steht die Freiburger Schule des Ordo-Liberalismus Pate, insbesondere Walter Eucken und Franz Böhm, politisch – explizit – Ludwig Erhard. Biedenkopfs Buch ist, trotz vorwärtsweisender und mutiger Vorschläge, ein Dokument wuchtiger Antimodernität.

Unmodern ist es darum freilich nicht, denn Antimodernität steht hoch im Kurs. So ist Biedenkopfs aktueller Anknüpfungspunkt eine radikale Wachstumskritik, in der er von keinem Eppler übertroffen werden könnte. Dabei kann Biedenkopf darauf verweisen, daß er schon 1979 (in einer der Schriften, die er im Lauf der Jahre zusammen mit dem Leiter des von ihm gegründeten Godesberger Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften, dem scharfsinnigen Meinhard Miegel, herausgebracht hatte) vor der Illusion der Wachstumsgläubigkeit gewarnt und auf die auffällige Konstanz des absoluten Wachstums in der Nachkriegszeit verwiesen hatte: Unbegreiflicherweise war den meisten von uns lange verborgen geblieben, daß gleichmäßiger Zuwachs logischerweise ein Fallen der Wachstumsrate selbst zur Folge haben mußte, und daß exponentielles Wachstum (also gleichsam Zins mit Zinseszins) von der Größenordnung her recht bald ein absurdes Ziel werden mußte.

Der Sündenfall des Wachstumsfetischismus beginnt nach Biedenkopfs Meinung mit der Abkehr von Ludwig Erhards Politik, mit Karl Schillers "Stabilitäts- und Wachstumsgesetz" von 1968, das Wachstum in den Rang eines Staatsziels erhob. (Hier und auch sonst verzichtet Biedenkopf auf Parteipolemik und notiert, daß die Abkehr von der Erhardschen Wirtschaftspolitik, der Übergang zu dem, was jener "Hybris" nannte, von allen Parteien gleichermaßen vollzogen wurde. Dementsprechend wird auch die gegenwärtige Bundesregierung ohne Schonung kritisiert.) Der Sündenfall kann darum so früh liegen, weil die Wachstumspolitik nach Biedenkopf nicht erst mit der Umwelt- und Beschäftigungskrise problematisch wird, sondern schon mit der "Entfesselung der Verteilungskonflikte" in der Zeit der Großen Koalition. Hier hören wir ein bekanntes Lied: Anspruchsinflation, Verteilungsstaat, Hypertrophie staatlicher Leistungen. Biedenkopf sieht in diesen ordnungspolitischen Irrwegen sogar die Ursache der Wachstumspolitik, ohne die jene Ansprüche ja nicht hätten befriedigt werden können. – Das ist sicher eine originelle Verknüpfung altmodischer Sozialstaats- mit neumodischer Wachstumskritik. Nur stellt sie natürlich die Dinge auf den Kopf. Es ist wohl doch eine abwegige Idee, den Wachstumskurs der sechziger und siebziger Jahre sozusagen den Rattenfängern aus der Politik anzuhängen, welche die Menschen (und die Wirtschaft?) verführt hätten.

Wer sagt uns eigentlich, welche Ansprüche berechtigt und welche "inflationär" sind, wenn nicht einmal das Kriterium der verfügbaren Verteilungsmasse mehr gelten soll, weil jene von Wachstum geprägte Masse ihrerseits schon illegitim sei? Wie viele Ordo-Liberale vor ihm, gerät Biedenkopf in die Not, Formen und Werte gleichsam in der Luft aufhängen zu müssen, weil sie aus den zur Verfügung gehaltenen Prinzipien nicht deduzierbar sind. Wieso ist die Staatsquote zu hoch? Gemessen an was?