München

Zum Schluß, in seinem Urteil, machte sich das Gericht daran, „Maßstäbe zurechtzurücken“. Von dem Leiden des Opfers, des entführten Axel Sven Springer, war in der Urteilsbegründung die Rede, von seinen Todesängsten, vom Bangen der Angehörigen. Eine große Rolle spielte auch die Höhe des von den Entführern geforderten Lösegeldes – 15 Millionen Mark. Eine solche Summe sei doch „so exorbitant, daß man sich weitere Ausführungen ersparen kann“, meinte der Vorsitzende Richter Manfred Adams. Schon 100 000 Mark seien „ausreichend“ für eine hohe Haftstrafe; da dürfe man bei 15 Millionen nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und nur die Biographien der Angeklagten anhören.

Das Ergebnis der richterlichen Güterabwägung: vier Jahre Freiheitsstrafe für den Hauptangeklagten, den 23jährigen Abiturienten Robert T.; zwei Jahre und neun Monate Jugendstrafe für den 20jährigen kaufmännischen Volontär Jörg N.; zwei Jahre und drei Monate für die 22jährige Schülerin Vicky T. Also: Keine Bewährung, statt dessen Fortdauer der Haft, in der die drei seit Februar sitzen. Acht Verhandlungstage hatte sich die Jugendkammer des Landgerichts München Zeit genommen, die Biographie der drei Angeklagten und ihre Tat zu durchleuchten – weitgehend behutsam und ohne Hast.

Es waren, wie Richter Adams in seiner Urteilsbegründung ausführte, ungewöhnliche junge Leute, die da auf der Anklagebank saßen. Nur Vicky T. hatte den saufenden, prügelnden Vater, von dem sie sich aber mit großer Energie und Willensstärke löste, was für das Gericht, im Hinblick auf die Entführung, offenbar durchaus bedenkliche Charakteristika zeigte. Die beiden jungen Männer aber, der eine Sohn eines Millionärs, der andere eines Journalisten, zählten immer zu den materiell Privilegierten. Richter Adams: „Es wurden hier in der Hauptverhandlung keine total gescheiterten Existenzen vorgeführt.“

Jörg N. habe sein eigenes Auto gehabt, Reitstunden und noch mancherlei mehr – „wenn man hier von einer entbehrungsreichen Jugend sprechen will, dann ist das sicherlich völlig fehl am Platze“. Und wer auf so „breiter Basis vom Schicksal privilegiert“ sei, fragte der Richter, „privilegiert der sich auch für eine Bewährungsstrafe?“ Vor dem sozialen Hintergrund der Angeklagten, gebe es nicht viel zu resozialisieren. Daher könne man bei den Urteilsgründen „zu Recht sagen, daß sie mehr dem Schuldstrafrecht entlehnt sind“.

Dies mag für die beiden erwachsenen Angeklagten durchaus seine Berechtigung haben; Jörg N. aber gilt vor dem Gesetz als Heranwachsender. Und Ziel des Jugendstrafrechts, nach dem er verurteilt wurde, ist nicht Rache, ist nicht Sühne seiner Schuld – sondern eine erzieherische Maßnahme. „Er war mit von der Partie, zwar in der Etappe, allerdings mit Einfluß“ – umschrieb Richter Adams die Rolle von Jörg N., der während der eigentlichen Entführung im schweizerischen Zuoz weitab in München als Handlanger bereitstand. Trotz Jugendstrafrechts wurde er härter bestraft als die erwachsene Vicky T., die an der Entführung immerhin direkt beteiligt war. Daß Jörg N. sich, unmittelbar nachdem im Fernsehen die Entführung gemeldet worden war, vehement bei den Entführern in der Schweiz für die sofortige Freilassung des jungen Springer einsetzte, drehte das Gericht zu seinen Lasten um: Er habe „damit gezeigt, daß er doch auf die Tat der übrigen einen Einfluß hatte“.

„Eine reine Schuldstrafe – nur mühselig und notdürftig erzieherisch verbrämt“, schalt sein Anwalt, der Hamburger Strafverteidiger Johann Schwenn, den Richterspruch. Schwenn, der mit seinen Einsprüchen das Gericht vor groben Verfahrensfehlern bewahrte, hatte mit seiner zurückhaltenden hanseatischen Art bei den Richtern keinen guten Stand. Rechtsanwalt Rolf Bossi, der während der Verhandlung schon mal die Staatsanwälte anbrüllte und den entführten Axel Sven Springer als „Hasenfuß“ titulierte, kam da. schon besser weg. Das Urteil für seinen Mandanten, Robert T., liegt sehr viel eher im Rahmen des Erwachsenenstrafrechts als das für Jörg N. in den Grenzen der Jugendstrafe.

Beide Anwälte, Schwenn und Bossi, werden gegen das Urteil Revision beim Bundesgerichtshof gegen gen. Urteil der auf eine Haftverschonung für seinen Mandanten hofft, „wenn die Eltern eine entsprechend hohe Kaution stellen“, legt Revision ein, „um dem Gericht Gelegenheit zu einer Denkpause zu geben“. Und Schwenn möchte gern, „daß hier die Maßstäbe zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht wieder zurechtgerückt werden“. Klaus Pokatzky