Präsident Reagan muß die Abrüstungsvorschläge des sowjetischen Generalsekretärs Gorbatschow ernst nehmen

Von Theo Sommer

Michail Gorbatschow – ja, so schwärmte Englands Premierministerin Thatcher im vorigen Herbst, das sei ein Mann, mit dem man zusammenarbeiten könne – a man to do business with. Jetzt hat auch der französische Präsident den neuen Kremlherrn als einen Staatsmann kennengelernt, mit dem sich reden läßt. In Paris stellte sich Gorbatschow als ein sowjetischer Weltpolitiker vor, der zwar unverrückt die Interessen seines Landes im Auge behält, der aber die Verhärtungen und Verkrustungen der Ära Gromyko aufzubrechen sucht; eine ganz neue Geschmeidigkeit kennzeichnete seine Art.

Die Frage ist nun: Wie wird Ronald Reagan mit dem Russen umgehen, wenn er sich im November in Genf mit ihm trifft? Ist er auf ein Schauboxen aus? Will er rechthaberisch beweisen, daß mit dem "Reich des Bösen" nicht zu reden und nicht zu handeln ist? Oder wird er jenen Entspannungsfaden wieder anknüpfen wollen, der Ende der siebziger Jahre abgerissen ist?

Die ersten amerikanischen Reaktionen auf Gorbatschows Abrüstungsvorschläge lassen noch keinen sicheren Schluß zu. In Washington herrscht das übliche Durcheinander. Das Außenministerium begrüßt die neuen Ansätze; das Weiße Haus erkennt bloß alten Wein in neuen Schläuchen; das Pentagon präsentiert eine zweifelhafte Dokumentation, derzufolge die Sowjets den Amerikanern in der Entwicklung von Weltraumwaffen um zehn Jahre voraus sind, ständig den Raketenabwehr-Vertrag von 1972 verletzen und im übrigen nur eines im Sinn hätten: sich eine "Erstschlagsfähigkeit" zuzulegen, um die Vereinigten Staaten per Raketenüberfall in die Knie zu zwingen. Der Präsident jedoch gibt nur unbedeutende Einzeiler von sich, wie den rätselhaften Satz, die Sowjets may have gotten religion – ungefähr: sie hätten das Licht des Herrn Jesu erblickt.

Natürlich birgt Gorbatschows Vorschlag, die strategischen Arsenale der Supermächte um 50 Prozent zu verringern, einige Pferdefüße (siehe Seite 4). Was soll verschrottet werden? Wie werden die euro-strategischen Waffen in den größeren Rahmen eingepaßt? Welche Möglichkeiten der Kontrolle gibt es, daß eine Abrüstungsvereinbarung ehrlich eingehalten wird? Natürlich kommt es Moskau auch auf die Propagandawirkung an – wenn Gorbatschow etwa, Holland im Blick, den Abbau seiner SS-20-Bestände auf den Stand von Mitte 1984 ankündigt. Und natürlich geht es den Russen wohl primär darum, Reagans Star Wars-Programm aus den Angeln zu heben. Aber all dies darf die westliche Führungsmacht nicht daran hindern, ernsthaft auf Gorbatschows Offerte einzugehen. Sie bietet auf jeden Fall einen Ausgangspunkt.

Gewiß mögen Skeptiker einwenden, da die Supermächte heute die Erde zwölfmal zerstören könnten, bringe es herzlich wenig, wenn sie die Zahl ihrer Atomsprengköpfe halbierten – es bliebe ja immer noch eine sechsfache Overkill-Kapazität. Indes käme es vor allen Dingen darauf an, einen ersten Schritt zu tun – und einen Schritt in die richtige Richtung.