Von Elisabeth Wehrmann

Blauer Dunst allenthalben; die Luft kann man schneiden, der Lärm ist beträchtlich. In einer kleinen Kaschemme, vor einem Publikum aus Studenten, Künstlern und Bohemiens baut er sich auf, Monokel im Auge, um den Mund ein ironisches Zucken. Mit einem Stöckchen aus spanischem Rohr zerfetzt er die Luft; im "Negerrhythmus" will er die ganze verlogene abendländische Kultur in Grund und Boden trommeln, UMBA, UMBA. Zürich, Februar 1916, Richard Huelsenbeck im Cabaret Voltaire.

Der Sohn aus gutbürgerlichem Hause, der Student der Germanistik und Medizin, Schreiber expressionistischer Verse, Mitarbeiter der Revolution (Zweiwochenschrift der Münchener Künstleravantgarde 1913), der ehemalige Kriegsfreiwillige lief weg aus dem Menschenschlachthaus Europa. Er wollte kein Held mehr sein, zog des Kaisers Rock aus und rettete sich, während vor Verdun der Stellungskrieg zehrte, auf die Insel des Friedens – in die Schweiz, wo es noch echte Schokolade und intakte bürgerliche Verhältnisse gab. Und das Cabaret Voltaire.

Die Granate, die da mit Zutun von Hugo Ball, Hans Arp, den Brüdern Janco, Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck explodierte, war von anderer Qualität als die Geschosse, die vor Verdun und Langemarck die heldischen Jünglinge krepieren ließen. Dada erschütterte mit Langzeitwirkung. Dada kratzt noch immer, provoziert Lächeln und Erkenntnis, Ärger und Nachdenken über den Leim, der eine menschenmörderische Kultur zusammenhält.

"Dada siegt, Dada lebt", verkündete der dadaistisch-revolutionäre Zentralrat 1919 in Berlin. Dada hat die Weimarer Republik und das "Dritte Reich" überlebt, in den fünfziger Jahren eine erste Renaissance erlebt; Dada war dabei, als die Studenten 1968 die Revolution probten; Dada ist der Großvater der Packeis-Kämpfer und Spontis in den achtziger Jahren. Dada wird zum Drehpunkt der Analyse des "Weimarer Syndroms", nicht erst in Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft".

Richard Huelsenbeck, Jahrgang 1892, war Mitbegründer von Dada in Zürich, Botschafter Dadas im revolutionären Berlin. Er erfand mit Tzara das Simultangedicht; er schrieb dadaistische und revolutionäre Manifeste, verfaßte "Phantastische Gebete" und den Roman "Doctor Billig am Ende"; er ging mit Raoul Hausmann und dem Oberdada Johannes Baader auf Dada-Tournee durch Deutschland und die Tschechoslowakei und verabschiedete sich, "als Dada verdampfte", wieder ins "bürgerliche" Leben, beendete sein Medizinstudium, gründetete eine Familie, wurde Schiffsarzt, Journalist und Reiseschriftsteller.

1936 emigrierte er mit seiner Familie in die USA. Es gelang ihm in New York, das Elend des Exils zu überwinden. Mit neuem Namen baute er sich – nach einer Lehranalyse bei Karen Horney – ein neues Leben und eine Praxis als Psychiater und Analytiker auf. Nach 1940 residierte er als Dr. Charles Hulbeck am Central Park, New York, teilte den Lebensstil der oberen Zehntausend und pries "das Glück, ein gewöhnlicher Mensch zu sein".