Der Leser, der keinen Prospekt in seinem Exemplar stecken hat, ahnt nicht, daß er ein Unikat in Händen hält; insofern, als die unpaginierten Blätter jedesmal in anderer Abfolge gebunden wurden. „Das war eine schöne Unterbrechung des Produktionsvorgangs! Die von mir gewählte Form entgleitet, die an der Produktion Beteiligten gewinnen, weil sie nicht nur ausführende Arbeiter sind, und die zitieren und verweisen wollen, verlieren.“

Die aleatorische Anordnung erlaubt zu lesen, wo man will – erzählt wird nicht, und also kann es auch nicht nacherzählt werden. Meist stehen drei längere Sätze auf einer Seite, ein interpunktionsloses Stottern, Murmeln, Weiterspinnen: einen Atemzug ausstoßen. Man hat das Erlebnis, beim Entstehen des Satzes dabeizusein. Als erstes fallen die verschiedenen Sprachschichten auf.

Eines der sichersten Kriterien, einen mittleren Geist zu erkennen, ist, daß er sich an niemandem mißt („die literaturidentischen gedichte sind nicht der rede wert“). Hier aber findet sich die Aufarbeitung von Tradition (Hölderlin und frühexpressionistische Prosa), Gegenwart (Tübinger Dialekt und das schreckliche Staatsanwaltsdeutsch von Stammheim) und so etwas wie Zukunftsmusik (ganze Tonleitern von Neologismen) und Visionen: „da taucht plötzlich das bild von dem verrückten auf der auf einem feld schüler aus stein unterrichtet & da habe ich die Vorstellung daß dies das ende des buches sein müßte er der geistig umnachtet vor seinen schülern steht & ihnen genau & penibel nach lehrprobenart eine stunde über liebe

Verschiedene Szenerien kehren wieder, verschiedene Grade von Inhaftierung, der Tübinger Turm und Stammheim, Schreiben in einem von den Nazis niedergebrannten griechischen Dorf, Verlassenheit im Schnee, und Holunder ist der wandernde Ahasver zwischen Schneegans und Seepferd, Tibet und zerbröckelten alten Manuskripten. Aber was dies alles zusammenhält ist das Schlüsselwort „Zärtlichkeit & güte“ –

Hartmut Geerken: „holunder“, verlegt bei Klaus Ramm, Hengstenbergstraße 11, 4905 Spengen, 1984; 104 S., 16,– DM,

ist vor allem andern ein Buch der Liebe, von bildhafter unkeuscher Geilheit bis hin zum scheuen Wiedererobern von Poesie („deine stimme wie schnitte in den sommer“); auch ein Buch des Erbarmens: „eine frau die beim lachen ihr gesicht behält ein mann der seins beim weinen nicht verliert“. Gefühlsprotokolle, Briefentwürfe, traumartige Obsessionen – die Intensität verrät autobiographische Impulse, aber ob die immer wieder angeschriebene und zurückerinnerte Tina nun in Stammheim war oder ist, lassen wir es so verschlüsselt, wie es da steht. Viel wichtiger: Kann man seine Gefühle heute noch schriftlich geben? Offenbar doch; ohne darin zu versinken.

In diesen Jahren, da sowohl die Gültigkeit subjektiven Schreibens als auch die Lebenskraft der experimentellen Poesie bezweifelt wird, ein mutiges Beispiel. Von einem verlorenen Manuskript Holunders heißt es: „ein feiner zug dieser texte war es daß nicht ein einziges mal der sinn genannt wurde der doch von anfang bis zu ende zwischen den Zeilen stand.“ Georg Jappe