Wo die Nuklearosen blühen – Georg Heinzen/Uwe Koch: "Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden"

Von Helmut Schödel

Wir schreiben das Jahr 73 nach dem Untergang der Titanic. Die Zeiten sind nicht gut – aber spannend.

Meldungen über Meldungen, Namen und Ereignisse: Ölkrise und Studentenrevolte, Wirtschaftswunder und RAF, Brokdorf, Mogadischu und der Internationale Frühschoppen. Wie ein Trommelfeuer trifft die Geschichte der Bundesrepublik einen Mann Anfang Dreißig. Matthias Grewe, Germanist mit erstem Staatsexamen, schließlich Auslieferungsfahrer, ist die Hauptfigur in einem Buch von Georg Heinzen und Uwe Koch: "Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden".

Auch Heinzen und Koch haben Germanistik studiert, sind Grewes Jahrgang. Heinzen hat seit einem Jahr einen Magistertitel, Koch besitzt das Lehrerexamen und jobbt als Korrektor in einer Setzerei. Jetzt haben beide gemeinsam eine Art Autobiographie veröffentlicht, mit Matthias Grewe als Summe ihrer Erfahrungen: Geschichte einer Generation.

Autobiographie und Autorenkollektiv – das ist wie Arno Schmidt und Gruppenarbeit. Das Kollektiv persifliert nicht nur die literarische Methode, sondern auch das eigene Leben. "So wie dir geht es hunderttausend anderen auch", sagt Jutta, eine von Grewes Freundinnen. Die Memoirenliteratur scheint am Ende. Genauso am Ende: wenn schon nicht Heinzen und Koch, so doch ein großer Teil ihrer Generation. Veteranen.

Aber fangen wir von vorne an, dort, wo Erinnerungen beginnen, bei der Jugend. Damit Grewes Tragödie ihren Lauf nehmen kann, braucht der junge Mann einen Vater. Grewe senior war Kriegsteilnehmer, dann technischer Zeichner. Wer Mitscherlichs Alpträume kennt, kennt auch ihn. Nachkriegseltern: "Sie spannten den lieben Gott mit in die Erziehung ein, als Hilfspolizisten mit Bereitschaftsdienst rund um die Uhr. Er wurde dort mit meiner Observierung betraut, wo sie nicht mehr hinschauen konnten. So bekam ich ein Gewissen."