Von Manfred Sack

Inzwischen, denkt man, müßten sie doch alle eine Heidenangst davor haben, ein durch Qualität, Gebrauch und Aura ausgezeichnetes altes Bauwerk preiszugeben, es abzureißen oder unter dem Vorwand der "Sanierung" zu entstellen, also zu zerstören. Sind denn die Zeitungen nicht voll von solchen Eklats, und richtet sich nicht umgehend der Zorn gegen die Banausen, die um vordergründiger wirtschaftlicher Vorteile willen Kulturdenkmale aufgeben?

Inzwischen aber, denkt man auch, müßten doch sogar die Architektur-Ignoranten und die hartnäckigen Vergangenheits-Verächter ein bißchen dazugelernt, wenigstens ihr Sensorium für die empfindlichen Güter der Kulturgeschichte geschärft haben. Hat es nicht vor zehn Jahren ein europäisches Denkmalschutzjahr gegeben, das, zuerst bespöttelt, einen so spektakulären Erfolg hatte, daß bald, umgekehrt, der Verdacht spürbar wurde, die Denkmalschutz-Streiter wollten überhaupt keine Veränderung mehr dulden und am liebsten die ganze Zukunft verbieten?

Nun scheint es aber, als seien ausgerechnet die "Verantwortlichen", Politiker und Wirtschaftsmenschen, stumpf für derlei Überlegungen geblieben. In Köln hat jetzt sogar der für Angelegenheiten der Kultur berufene Ausschuß des Stadtparlamentes die Kultur schmählich verraten und ein großartiges Bauwerk seinen wirtschaftlichen Ausbeutern ausgeliefert: Das ist in diesem Drama der eigentliche Skandal.

Vor allem zwei Beispiele sind es, die zur Zeit viel Aufregung verursachen, wunderbarerweise: In Berlin soll mit dem Votum des Landeskonservators der Saal des "Gloria-Palastes" am Kurfürstendamm, das letzte große Lichtspieltheater der Stadt, einer Geschäftspassage und ein paar Wohnungen weichen; in Köln hat man vor, das Staatenhaus, ein einzigartiges Messegebäude aus den zwanziger Jahren, zu "sanieren", genauer: es hinter seiner erhalten bleibenden Klinkerfassade umzubauen und zu erweitern. Es geschieht gegen das ausdrückliche Votum der Stadtkonservatorin, die für den unter Denkmalschutz stehenden Bau die korrekte Restaurierung empfohlen hat. Doch ausgerechnet der Kulturausschuß schlug ihr Urteil in den Wind: Sein Vorsitzender ist Mitglied des Messe-Aufsichtsrates. Der Hauptausschuß folgte dann der Empfehlung.

Es handelt sich beim Staatenhaus – das so genannt wird, weil sich darin zur Eröffnungsschau 43 Länder haben präsentieren dürfen – um einen halbrund geschwungenen, mit Klinkern verblendeten Betonbau; er hat eine Pfeilerfassade von distinguiertem Temperament. Sie öffnet sich, einen Park mit dem malerischen "Tanzbrunnen" umfangend, zum Rhein, aber ihre beschwingte Gebärde gilt in Wahrheit der Stadt jenseits des Rheins.

Entworfen hat sie der vom Oberbürgermeister Konrad Adenauer zum Leiter seines Hochbauamtes berufene Architekt Adolf Abel, ein Anhänger der gemäßigten Moderne, wie sie die Stuttgarter Schule damals pflegte. Seit der Premierenmesse, der "Pressa" von 1928, ist diese geschwungene, weitläufige und geräumige, überraschend flexible Halle immer wieder als Kunsthalle betrachtet und auch so verwendet worden, das letztemal in den fünfziger Jahren. Erst beim "Westkunst"-Projekt 1980 sperrte sich die Messeleitung dagegen. Jetzt will sie zwar die populäre Pfeilerfront konservieren, den heruntergekommenen Bau dahinter aber nach Gutdünken umbauen und ergänzen. Wer die Kölner Messeschuppen-Architektur kennt, weiß, daß Schlimmes zu befürchten ist.