„Erwins Badezimmer oder die Gefährlichkeit der Sprache“, von Hans Bemmann. Man braucht kein Philosoph zu sein, um einem Roman den Wandel sprachphilosophischer Theoreme zugrunde zu legen. Hans Bemmann versteht es, innerhalb einer spannenden Erzählung das Geheimnis von Sprache spielerisch auszuloten. Im Mittelpunkt seiner Geschichte steht Albert S., seines Zeichens Philologe, der im Zeitalter nach der sogenannten „Großen Nationalen Sprachreinigung“ lebt, in dem die Sprache als Ordnungsprinzip der Welt eindeutig festgelegt ist. Sprachüberwachungsbehörden sorgen dafür, daß nichts über die Hintergründe dieser Ordnungsmaßnahme an die Öffentlichkeit dringt. Allen Widrigkeiten zum Trotz beginnt Albert S. Nachforschungen anzustellen und gerät dabei an seinen ehemaligen Freund Erwin, dessen Ziel es ist, die herrschende Ordnung durch Analyse und Verbreitung von Literatur aus der Vorzeit zu unterminieren. Erzählt wird die Geschichte in einer Reihe von Briefen, in denen lbert S. seine Freundin über den Stand seiner Nachforschungen unterrichtet. In diese Briefsammlung sind Texte aus der so apostrophierten „Vorliteratur“ eingearbeitet, die das Grundthema des Romans, das Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit, illustrieren. Der erste Text handelt von der Differenzierung der natürlichen Sprache der Vorfahren, die jedoch im Laufe der Zeit von der Weltbildthese, derzufolge Sprache selbst Ordnung ist, verdrängt wurde. Doch obwohl der Mensch als instinktschwaches Individuum auf eine selbstgeschaffene Ordnung angewiesen ist, führt jegliche Verabsolutierung dieser Ordnung, wie Bemmann am Fall der „Großen Sprachreinigung“ klarmacht, in die Irre. In diesem Umschlagen eines kritischen Denkansatzes in eine dogmatische Ideologie liegt der intellektuelle Witz des Romans. Auf doppeltem Wege gelingt es dem Autor zu zeigen, daß die Welt keine Wirklichkeit festgeschriebener Strukturen ist, sondern eine Option, die jedem offensteht. Zum einen, indem er seinen Protagonisten die Chance, Wirklichkeit als Möglichkeit zu erfahren, erkennen läßt, zum anderen durch die eingestreuten Textpassagen, die in Form von Märchen den theoretischen Ansatz verbildlichen. Über dieser geglückten Ausführung einer köstlichen Idee wird man die eine oder andere sprachliche Ungereimtheit getrost vergessen dürfen. (Edition Weitbrecht, Stuttgart 1984; 240 S., 30,– DM)

Carla Sappok