München: „Ernst Ludwig Kirchner“

Wie Kandinsky, der als eigentlicher Erfinder der Abstraktion in die Annalen der Moderne eingehen wollte, hat auch Kirchner Entstehungsdaten gefälscht, um zu beweisen, daß er schon vor den französischen Fauves ein Wilder war. Er hat sich auch gar nicht geniert, unter Pseudonym seinen Rang in der Kunstgeschichte eigenhändig festzuschreiben. Darin zeigte sich das Selbst- und Sendungsbewußtsein eines Künstlers, der wußte, daß er von allen „Brücke“-Malern den längsten Atem hatte, und der überzeugt war, daß nur er die deutsche Kunst auf internationales Niveau zu heben vermochte. Die Ausstellung, bestückt mit Arbeiten aus dem Nachlaß Kirchners, stützt gerade diese Einschätzung nur bedingt. Das mag damit zusammenhängen, daß von den mehr als dreißig Gemälden aus allen Schaffensperioden nur wenige Spitzenqualität besitzen, hat aber auch mit dem zwiespältigen Eindruck des Spätwerks zu tun – in dieser abstrahierenden Phase, in der Kirchner malend theoretisierte, sind die Linie, die den Umriß einer Figur angibt, und die farbige Fläche, die den Körper beschreibt, nicht mehr deckungsgleich. Das wirkt nicht selten angestrengt. Ganz anders dagegen die Zeichnungen und Aquarelle, rund zweihundert Blätter, Akte im Atelier und in der Landschaft, Stadtansichten und Skizzen am Meer: oft kürzelhaft festgehaltene Situationen, spontan fixierte Bilder von Mensch und Natur. (Galerie Wolfgang Ketterer, bis zum 26. Oktober; Katalog 30 Mark.) Helmut Schneider