Von Rolf Michaelis

Darauf haben wir gewartet: das Buch für jede Stunde, jede Stimmung. Schmöker und Lehrbuch. Eine ganze Bibliothek zwischen zwei Buchdeckeln. Ein Buch nicht fürs Regal, sondern für Nachttisch oder Reisetasche, zu täglichem Gebrauch und – Genuß.

Das ideale Geschenkbuch – das man am liebsten selber behalten möchte. Und wie aufregend wird das Buch, wenn wir es verschenken: Was machen die lieben Menschen damit, denen wir es in die Hand legen? Lesen sie es brav von Seite 1 bis 486 als noch eine Gedicht-Anthologie oder erkennen sie dieses Lehrbuch der Poetik auch als Spiel-Angebot zu schöpferischem Lesen, zu reicherem Leben? Das Sachbuch als Lockruf in ein Lese-Labyrinth.

Endlich ist es da, das Buch, das nicht die 100 oder 999 schönsten/besten Gedichte aus aller Welt auf einem Altar präsentiert, vor dem Leser in die Knie sinken sollen, sondern das Buch, das mit schöner Schamlosigkeit auch grotesk mißlungene und hanebüchene Verse einschmuggelt. Hier werden einmal alle Gesetze außer Kraft gesetzt, Normen befragt, Maßstäbe zerbrochen. Der Anruf zu Aufklärung dringt nicht als Fanfare an unser Ohr, sondern zerschmettert mit jeder vermeintlichen Sicherheit des Wissens auch den Leser.

Wie versagen wir alle vor „klassischen“ Texten, wenn einmal nicht ein großer Dichter-Name über befremdlichen Versen steht. Doch wie viel lernt man in solchen Augenblicken gleichsam ersten, neuen, neu-gierigen Lesens. Da schrumpft ein Jahre dauerndes Studium der Literatur auf das (richtie) Maß der wenigen Minuten, in denen ein Gedicht nicht als Pretiose aus dem Safe der Tradition und Literaturgeschichte beäugt und – vergessen, sondern wie ein Text aus unserer Zeit gelesen, befragt – und angenommen oder verworfen wird.

Wer sich in das Labyrinth dieses nicht auszulesenden Buches begibt, stimmt dem Herausgeber zu, der uns daran erinnert: „Die einzig richtige Art, ein Gedicht zu lesen, gibt es nicht.“ Das Vorwort gibt uns noch andere Brecheisen an die Hand: „Lesen heißt immer auch: zerstören – wer das nicht glauben will, möge die Gehirnforscher fragen –; zerstören und wieder zusammensetzen. Dabei entsteht allemal etwas Neues. Ein Klassiker ist ein Autor, der das nicht nur verträgt; er verlangt es; er ist nicht totzukriegen durch unsere liebevolle Roheit, unser grausames Interesse.“

Der Neben-Titel ruft uns ständig ins Bewußtsein die (mindestens) drei Arten des Lebens mit Gedichten: zuerst das (simple) „Vergnügen“; dann die „Kunst“; schließlich, im Hegeischen Dreischritt über These, Antithese zur Synthese, das (höhere) „Vergnügen, Gedichte zu lesen“. Was lesen wir im (wunderbar so genannten) „Räsonierenden Inhaltsverzeichnis“: „Die Schwierigkeit der Entzifferung kann... die Lust am Text steigern.“