/ Von Thomas Böhm

Heftige Revolten oder auch nur einfache Bewegungen,wenn sie erst einmal im Sandeverlaufen sind, geraten schnell in Vergessenheit oder verkümmern zu nostalgischen Erinnerungen. So verschwindet auch allmählich die Zeit, die für viele Aufbruch und Untergang bedeutete. Junge Menschen versuchten damals, Ende der siebziger Jahre, einem Gefängnis zu entrinnen, das sie mit falschen Moralvorstellungen und Werten festhielt, auf die sich verzichten ließe. Sie schlugen sich ohne viel Hoffnung mit den Werten dieser Gesellschaft und suchten gleichzeitig nach neuen Idealen. Sie provozierten durch ihr Verhalten und ihr Äußeres. In ihrer Ausweglosigkeit zelebrierten sie den Untergang, als wäre es die einzige Überlebenschance.

Im Sog dieser heftigen No Future-Bewegung rebellierten sie auch gegen alte Hörgewohnheiten, stürmten, ohne zu fragen, die Bühnen, schrien sich ihren Haß, aufgestaute Wut und ehrliche Trauer aus den Bäuchen und nannten es Punk. Bizarre Gestalten, vom Kopf bis zur Seele in Schwarz gekleidet, verbrannten Instrumente, rissen stattdessen Objekte aus den Halterungen ihrer verdreckten und kaputten Umwelt, formten sie zu Klangkörpern um und nannten sich geniale Dilettanten. Das Chaos und die Schmerzen ihrer Gefühle verarbeiteten sie als Tonträger der Revolte weiter. Gruppen wie "Die tödliche Doris", "Sprung aus den Wolken", "Die Haut" und "Birthday Party" formierten sich. Die "Einstürzenden Neubauten", eine der ersten und auch immer eine der radikalsten Formationen dieser Subkultur, avancierten schon bald zu Fahnenträgern auf dem klangvollen Schlachtfeld der künstlerischen Rebellion.

Das Schlachtfeld ist längst geräumt. Die Punkgeneration wird mitleidig von smarten Nachfolgern belächelt und mit ein paar Groschen zufriedengestellt. Die Kraft der Bewegung hat gleich einem alt gewordenen Sportler Fett angesetzt und beschäftigt sich ausgiebig nur noch mit sich selber. Die genialen Dilettanten sind entweder geblieben und in der Versenkung verschwunden oder haben sich zur Professionalität durchgerungen. Daß sich die "Einstürzenden Neubauten", allen voran ihr Sänger und Texter Blixa Bargeld, es gefallen lassen müssen, der zweiten Kategorie zugeteilt zu werden, braucht keinen zu wundern.

Mit Blixa, Endruh Unruh, F. M. Einheit (Mufti) und später auch Alexander von Borsig sammelten sich kreative und ausgeprägte Persönlichkeiten in diesem Höllen-Orchester, die es wie niemand sonst verstanden haben, Gefühle, Erlebnisse und Stimmungen glaubwürdig und mitreißend umzusetzen und wiederzugeben. Von ihren Fans längst heiliggesprochen, können sie auch heute noch, unter technisch besseren Bedingungen und mit einer effektiveren Arbeitsweise in der Produktion, ihren Zuhörern etwas mitteilen. Mit ihren für ungeübte Hörer chaotisch wirkenden Klangbildern und Textcollagen machen sie nicht in den Ohrmuscheln halt, sondern greifen sämtliche Nervenzellen an. Wer sich mit der Musik der "Neubauten" auseinandersetzen kann, wird von ihr eingefangen.

Auch wenn die Untergangsstimmung nicht mehr kollektiv genossen wird und jeder nun alleine durch die Hölle gehen muß, sind die "Neubauten" konsequent ihren musikalischen Weg gegangen und haben keine faulen Kompromisse mit dem lukrativen Mainstream geschlossen. Im Gegenteil, sie können sich als Ideenlieferanten so bekannter Gruppen wie "Depeche Mode" berufen, die ihr berühmtes Stahlgehämmere für den Olympia-Song "People Are People" kopierten. Ihren weltweiten Ruf haben sie einerseits der englischen Plattenfirma "Some Bizarre" zu verdanken, die den Vertrieb organisiert und es sich leistet, hinter den eigenen Produkten zu stehen, und andererseits dem nimmermüden Underground-Manager Alfred Hilsberg aus Hamburg, der trotz vieler Rückschläge den "Neubauten" und anderen Independant-Gruppen die Treue hielt.