Es geschieht nicht oft, daß Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg und sein Parteifreund Gustav Fehrenbach, stellvertretender DGB-Vorsitzender, gleicher Meinung sind. Ausgerechnet bei der Strategie für die nächste Tarifrunde in der Metallindustrie stimmen die beiden CDU-Leute überein. Sie geben Lohnerhöhungen den Vorrang vor weiteren Verkürzungen der Arbeitszeit. Die ungewohnte Eintracht resultiert allerdings aus unterschiedlichen Motiven.

Stoltenbergs Kalkül: Wenn die Löhne und Gehälter steigen, wachsen auch seine Steuereinnahmen. Überdies bekommt die Rentenversicherung mehr Geld in die Kasse und braucht deshalb weniger Kredite und Zuschüsse des Finanzministers. Fenrenbach hingegen weiß, daß Arbeiter und Angestellte nach mageren Jahren mit sinkenden Realeinkommen, endlich wieder mehr Geld sehen wollen. Für einen Kampf um kürzere Arbeitszeiten ließe sich die Basis kaum mobilisieren.

Eine angemessene Lohnerhöhung paßte sehr gut in das differenzierte Bild der Konjunktur. Sie könnte der schwachen Nachfrage nach Konsumgütern auf die Beine helfen und einen Ausgleich für den vermutlich im nächsten Jahr abflauenden Exportboom schaffen. Termingerecht zur Bundestagswahl im Januar 1987 könnte die Bundesregierung mit einem geradezu mustergültig arrangierten Konjunkturverlauf werben, den sie auch den Gewerkschaften verdankt. chr