Maos Ordnung durch Chaos

Ende Juni 1959 erstieg Mao Tse-tung den lieblichen Berg von Lushan, einen 1350 Meter Gipfel hoch über dem Tal des Yangtze im Süden von Wuhan, der großen Industriestadt. Während Wuhan in der Hitze schmachtete, zog kühle, reine Luft über die blütenbedeckten Höhen des Lushan, der ein beliebter Sommeraufenthalt von Missionaren war. Mao liebte diesen Ort. Nun saß er in einem Korbsessel auf einer Terrasse über dem Tal des großen Flusses und wartete auf seine Genossen (vom Langen Marsch). Männer, deren revolutionärer Eifer, so empfand er es, mit dem Sieg ins Straucheln geraten war. Wie so oft nahm Mao den Pinsel zur Hand und schrieb mit den kühnen Strichen seiner Kalligraphie ein Gedicht, das er „Die Ersteigung des Lushan“ nannte:

Über vierhundert Biegungen bin ich zum grünen Kamm gesprungen.

Mit kaltem Auge überblickte ich jetzt die Welt jenseits der Seen ...

Während Mao da auf dem Berg saß, sein Gedicht vollendet, und auf seine Genossen wartete, könnte er über die Probleme der Gegenwart nachgedacht haben – die Nachwirkungen seines Großen Sprungs nach vorn (Stahlproduktion in den Hinterhöfen) und der Kollektivierung der Bauern in Kommunen (blaue Ameisen); sein tiefes Zerwürfnis mit Rußland und Nikita Chruschtschow (Atombomben) und die Ansichten einiger seiner eigenen Genossen (kritisch).

„Mit kaltem Auge überblicke ich die Welt...“ hatte Mao in seinem Gedicht geschrieben. Mit kaltem Auge ... Diese Versammlung der Revolutionshelden würde nicht viel Poetisches an sich haben.

Der rauhe alte Peng Dehuai, Chinas Kommandeur im Krieg gegen die Japaner und im Krieg gegen die Amerikaner in Korea, war nach Hunan hinuntergegangen. Er wollte Berichte überprüfen, denen zufolge die Zustände auf dem Lande infolge des Großen Sprungs nach vorn ganz und gar nicht in Ordnung seien. (Einige ausländische Spezialisten schätzen, daß zehn bis zwanzig Millionen Bauern in der Hungersnot der Nachwirkungen des Großen Sprungs starben. Offizielle Schätzungen sind nicht zugänglich.)