Drei Arbeitsgruppen beraten den amerikanischen Präsidenten

Von Ulrich Schiller

Washington, im Oktober

Ronald Reagan ist in der Geschichte der amerikanischen Präsidenten eine einmalige Erscheinung. Er ist der einzige, der sowohl den Geist eines Ideologen als auch den eines Politikers hat." Zu diesem Urteil kam Leslie Gelb in einem Essay im Sonntagsmagazin der New York Times. Der Autor ist kein Psychologe, sondern der sicherheitspolitische Korrespondent des New Yorker Blattes. Er ist auch kein Reagan-Anbeter, denn seine eigenen Vorstellungen von Sicherheit und Abrüstung hat er als ein wichtiger Mitarbeiter der Carter-Regierung zur Geltung gebracht. Aber Gelb hat als Journalist eine gute Nase, und er weiß, daß unzählige Amerikaner gerade jetzt vor dem Gipfeltreffen mit Gorbatschow darüber nachdenken: Wie arbeitet der Kopf dieses Präsidenten, wie fügen sich Wissen und Instinkt, Ideologie und Pragmatismus, Rhetorik und Aktion bei Ronald Reagan zusammen?

Es liegt eine Spannung in der Luft wie vor einem großen Sportereignis. Carter und Breschnjew – das war das letzte amerikanisch-sowjetische Gipfeltreffen 1979 in Wien zur Unterzeichnung des vom US-Senat nie ratifizierten Zweiten Salt-Abkommens. Damals war der amerikanische Präsident der jüngere, der agilere, der dem von Sprach- und Bewegungsschwierigkeiten geplagten sowjetischen Gegenspieler stützend unter die Arme griff. Jetzt ist Reagan der ältere, und gleich um 20 Jahre. Das zählt eben doch, wenngleich er trotz Krebs und Operation geradezu beneidenswert fit aussieht.

Kann er sich konzentrieren?

Doch sind es nicht Reagans Alter und die Befürchtung, er könne im Vergleich zu dem jüngeren Kremlchef eine schlechte Figur machen, die so viele Amerikaner nachdenklich stimmen. Sie stellen sich andere Fragen, zum Beispiel die, wie stark das intellektuelle Durchstehvermögen ihres Präsidenten ist. Oder: Wie lange vermag er sich auf eine komplizierte Materie zu konzentrieren, wenn ihn der andere nicht daraus entläßt? Überhaupt: Wie geht dieser Präsident, der kein intellektueller Riese und dennoch ein politisches Schwergewicht ist, der mit Instinkten und Intuitionen oft richtiger liegt als seine Berater mit all ihren klugen Analysen, an die Begegnung mit Gorbatschow heran? Das Gipfeltreffen wird das wichtigste außenpolitische Ereignis seiner ganzen Präsidentschaft sein, und die Berater des Präsidenten sind überzeugt, daß die Art und Weise, wie sie ihn darauf vorbereiten, den Ausgang der Begegnung zu einem guten Teil vorentscneiaet.