Die Geschichte eines exemplarischen Scheiterns

/ Von Peter von Becker

Dalton Harron, von seinen Freunden und Verwandten Diddy genannt, ist Anfang Dreißig lebt, frisch geschieden von seiner ersten Frau, in Manhattan und arbeitet dort in der Werbeabteilung eines traditionsreichen Unternehmens, das feinoptische Geräte herstellt, Mikroskope. Diddy soll so beitragen: zur Scharf-Sicht, zur ingeniös gesteigerten Wahrnehmung des menschlichen Auges. Doch Diddy droht ein dunkles Verhängnis, Blendung der Überlebensvernunft, existentielle Blindheit gar.

Diddy ist ein junger Mann ohne markante Eigenschaften. Nicht ungebildet, freundlich, gefällt den Frauen (darin begabt wie John Updikes „Hasenherz“ Harry Augstrom), überhaupt „die Sorte von Mann, die Frauen niemals mißhandelt, niemals die Kreditkarte verliert oder beim Abwaschen einen Teller zerbricht, die gewissenhaft die Arbeit verrichtet“. Aber auch das: „Diddy, nicht wirklich lebendig, hatte ein Leben. Was kaum dasselbe ist. Manche Menschen sind ihr Leben. Andere, wie Diddy, bewohnen ihr Leben bloß. Wie verunsicherte Pächter, die nie so genau wissen, bis wohin sich das Anwesen erstreckt oder wann der Pachtvertrag ausläuft. Wie unbegabte Kartographen, die wieder und wieder fehlerhafte Landkarten eines exotischen Kontinents zeichnen.

Vor einigen Monaten hat Diddy ein halbes Röhrchen Schlaftabletten geschluckt, wurde gerettet, hat sich inzwischen physisch wieder einigermaßen erholt. Nun soll er für eine Woche zu einer Managementtagung nach Buffalo fahren, 500 Kilometer von New York im gleichnamigen Bundesstaat, wo sich das Stammhaus seiner Firma befindet. Statt zu fliegen, nimmt Diddy lieber einen neuen Expreßzug, mit dem abenteuerlichen Namen „Freibeuter“ (im Original „Privateer“, was als Zug-Titel wohl knapper mit „Pirat“ oder „Korsar“ zu übersetzen gewesen wäre).

Auf halber Strecke passiert es dann: Ein Tunnel, der Expreß stoppt plötzlich, irgendwo in dem riesigdunklen Felsschlund, kein Licht geht an im Zug, und erst nach klammen Minuten des Wartens kommt ein Schaffner mit seiner Taschenlampe vorbei und grummelt etwas von einem unbekannten Hindernis. Zwischen dem Schaffner und den Mitreisenden in Diddys Abteil, unter ihnen auch eine junge Blinde, entspinnt sich im Dunkel dieser künstlichen Nacht schnell ein gereizter, ins Absurde kippender Wortwechsel: Vielleicht befinde man sich, meint der Zugbegleiter, sogar im falschen Tunnel; drauf die Replik eines Mitreisenden, eines Priesters: „Könnte nicht der richtige Tunnel blockiert sein?“

Nach einigen weitschweifigen Erzählwindungen zu Beginn Diddys Vorleben, der Selbstmordversuch – gerät die Geschichte mit diesem witzig skizzierten und bereits untergründig Spannung schürenden Zwischenfall in Schwung und verführt erst mal ins Dickicht dieses seit Jahren von ihrem deutschen Verlag angekündigten Romans der amerikanischen Schriftstellerin Susan Sontag: „Todesstation.“