Klinikgeburt: Viele Wünsche bleiben offen

Von Carmen Thomas

Die Natürlichkeit um den Geburtsvorgang und das Stillen mußte deshalb verlorengehen, weil es nicht mehr zum Alltag gehört, daß Menschen Kinder bekommen. Junge Eltern stehen ziemlich allein einem Wust widersprüchlicher Informationen gegenüber. Konkrete Hilfestellung ist für viele lediglich ein bißchen Geburtsvorbereitung, fast ausschließlich für die Mütter und meist aufs Atem beschränkt. Das war’s. Obwohl nicht ganz! Denn am wesentlichsten scheint, wenn auch unbewußt, das Vorbild der Klinik und der Ärzte zu wirken. Gerade in der Geburtshilfe ist zwar ein großer Umbruch in Gang gekommen, und deshalb ist manches schon verbessert. Dennoch weht oft unter den neuen Etiketten der alte Geist. Der lehrt oder lehrte:

  • Man kann dem Baby ruhig einen Klaps geben (das geschieht in manchen Kliniken noch immer nach der Geburt, obwohl Fachleute sagen, daß dazu nur in Ausnahmefällen eine Notwendigkeit besteht).
  • Das Schreien scheint eine natürliche unbeeinflußbare Beschäftigung des Babys zu sein. Es werden kaum Anstalten gemacht, sofort darauf einzugehen, es aufzunehmen, zu trösten und es unverzüglich seiner Mutter dauerhaft zurückzugeben. Man läßt es brüllen und behauptet sogar, das sei gut für seine Lungen. Man kann es jederzeit – trotz der neun Monate inwendigen Körperkontaktes – von der Mutter trennen und getrost zu 20 anderen plärrenden Bündelchen legen.
  • Das Baby selbst merkt sowieso noch gar nichts, weil angeblich psychisch noch nichts an ihm richtig entwickelt ist.
  • Für das Neugeborene ist offenbar gleichgültig, ob es die Flasche oder die Brust bekommt: Hauptsache, die Grammzahl stimmt hinterher.
  • Natürlich haben Babys alle immer nur um die gleiche Zeit Hunger und bei denen das noch nicht so ist, kann schadlos mit einer baldigen Umgewöhnung gerechnet werden.

Was lehrt oder lehrte dieser Geist über die Mütter? Mütter – auch die mehrerer Kinder – verstehen nichts von Babys. Sie haben es angeblich am liebsten, wenn man das schreiende und Häufchen produzierende Paketchen möglichst rasch von ihnen entfernt.

Mütter freuen sich, daß ihr Baby nur alle paar Stunden zum Stillen und zum kurzen Schmusen gebracht wird. Mütter, die Rooming-in rund um die Uhr wünschen, sind merkwürdiger als die, die ihr Kind im Kinderzimmer abgeben. Ja, sie gelten als fast verrückt oder mindestens als überbeschützend. Diese Mütter müssen als Quittung für ihre Affenliebe – die ja außerdem vom Mißtrauen gegen die Klinik zeugt – ihre Kinder auch dann selbst versorgen, wenn ihnen der Dammschnitt und die nachgeburtlichen Beschwerden das Aufstehen mühsam machen. Nach dem Motto, wer nicht hören will (daß das Kind im Kinderzimmer besser aufgehoben ist), muß eben fühlen. Manchmal werden organisatorische und Personalmangelgründe vorgeschoben.

Stillende Mütter sind offenbar peinlich, deshalb können zwar am Krankenhauskiosk Illustrierte mit nackten Frauen hängen, aber selbst die Väter werden zu diesem schamhaften Vorgang aus dem Zimmer geschickt. Gestillt wird nach festen Zeiten und nicht auf Verlangen des Kindes. Leistung ist gefragt: Die Säuglingsschwester wiegt unbestechlich nach.