Kempten

Warum hat Egon Hoffmann Angst? Liegt es vielleicht daran, daß er mit seiner Frau in einem dieser entlegenen Allgäuer Einödhöfe lebt, wo er sich „wie auf dem Präsentierteller“ fühlt? Dabei mustern doch die Nachbarn jeden Fremden, der sich nach dem Weg zum Hof der Familie Hoffmann erkundigt. Wer irgendwie verdächtig erscheint, wird mit knappen Worten abgewiesen. Und regelmäßig fährt die Polizei Streife in dieser verlassenen Gegend, womöglich nicht nur aus purer Routine. „Ausschließen kann man nie“, sagt Egon Hoffmann, „daß irgendeiner, der sich geschädigt fühlt, Rache nehmen will.“

Egon Hoffmann ist einer, der mithalf aufzudecken, wie kommunale und staatliche Auftraggeber bei der Vergabe von Bauvorhaben Schäden in Höhe von vielen Millionen Mark erlitten haben. Für das Bundeskartellamt ist der 46 Jahre alte Mann vom Einödhof der wichtigste Zeuge für den Nachweis, daß Baufirmen im Allgäu über Jahre hinweg verbotene Preisabsprachen getroffen haben.

Der Skandal liegt schon drei Jahre zurück. Doch die Angst des Egon Hoffmann ist geblieben, was vielleicht mit den Bußgeldern zusammenhängt, die das Bundeskartellamt über Baufirmen aus dem „Allgäuer Kreis“ von Preisabsprechern verhängt hat. Ist es das, was Egon Hoffmann meint: daß sich Baufirmen durch seine Aussagen geschädigt fühlen könnten?

Gut möglich, daß dem so ist. Sonst hätten zum Beispiel die beiden Baufirmen Josef Hebel GmbH & Co., Memmingen, und die Gustav Epple GmbH & Co. KG, Stuttgart, wohl nicht Widerspruch eingelegt gegen die Bußgeldbescheide, die das Bundeskartellamt gegen sie und die Geschäftsführer dieser Firmen verhängt hat. Gewiß, um hörende Summen geht es da nicht: 200 000 Mark soll die Baufirma Epple, 40 000 Mark der „persönlich Betroffene“ Fritz Epple an Bußgeld zahlen. Von der Firma Hebel verlangt das Bundeskartellamt 20 000 Mark, vom Geschäftsführer Richard Weidinger 7000 Mark.

Da sich die Betroffenen unschuldig fühlen und sich weigern zu zahlen, kam es zum Prozeß vor dem eigens für Baupreisabsprachen gegründeten Hilfskartellsenat des Berliner Kammergerichts. Der Vorsitzende Richter Jürgen Kollmorgen traf eine außerordentliche Entscheidung. Weil das Gericht nicht auf den Zeugen Egon Hoffmann verzichten wollte, der aber gezwungen ist, als Landwirt sein Brot zu verdienen und seine fünf Bullen und 14 Kühe nicht im Stich lassen kann, um zur Verhandlung nach Berlin zu reisen, kamen die drei Richter samt Oberstaatsanwalt und Protokollführerin für zwei Verhandlungstage ins Justizgebäude nach Kempten im Allgäu.

Obwohl noch nicht abzusehen ist, welches Urteil die Richter fällen werden, förderte der Prozeß doch Bemerkenswertes zutage. Von einem geheimen Zirkel Allgäuer Bauunternehmen berichtete Zeuge Egon Hoffmann, von streng vertraulichen Treffen, bei denen geklärt wurde, welche Firma bei welchem ausgeschriebenen Bauvorhaben zu welchem Preis zum Zuge kommen sollte. Damit dieses System funktionierte, erstellte die Firma, die den Auftrag bekommen sollte, eine „Nulliste“ mit ihren Angebotspreisen, die dann natürlich auch die „Konkurrenz“ bekam, versehen mit der freundlichen Aufforderung „Bitte überbieten Sie...“