Bis auf wenige Ausnahmen bewegten sich Ende September die in unserer Tabelle enthaltenen Aktien in unmittelbarer Nähe ihrer diesjährigen Höchstkurse. In einigen Fällen stellen diese sogar Nachkriegsrekorde dar. Natürlich erhebt sich die Frage, inwieweit das erreichte Niveau – nach immerhin mehr als drei Jahren Aktien-Hausse – noch analytisch zu rechtfertigen ist.

Um das festzustellen, erscheinen in der Tabelle erstmals die Ertragsschätzungen für 1985. Nach den vorliegenden Halbjahresberichten dürften sie einigermaßen zuverlässig sein. Dabei zeigt sich schnell, daß gerade in den marktgängigen deutschen Standardwerten Kurs-/Gewinn-Verhältnisse ausgewiesen werden, die nicht einmal viel höher liegen als bei Beginn der langen Aktien-Hausse, obwohl sich seither die Kurse verdoppelt oder verdreifacht haben.

Des Rätsels Lösung: Die Gewinne der Unternehmen, jedenfalls das, was die Analysten darunter verstehen, sind noch stärker gestiegen als die Aktienkurse. Siemens-Aktien sind bei einem angenommenen Gewinn von 70 Mark je Aktie auch mit einem Kurs von 605 Mark noch nicht überteuert.

Noch klarer wird dies bei den Unternehmen der Großchemie. Kurs/Gewinn-Verhältnisse von unter sechs sind bei derart renommierten Unternehmen international gesehen eine Sensation. Bei Henkel wurden die neuen Vorzugsaktien mit dem elffachen eines Jahresertrages je Aktie emittiert und den Banken aus den Händen gerissen.

Es bleibt natürlich zu prüfen, ob inzwischen Fakten bekannt geworden sind, die 1986 zu einer Schmälerung der Erträge führen werden. Da viele Banken bereits mit Gewinnschätzungen für 1986 arbeiten, sind Vergleiche zwischen den beiden Geschäftsjahren möglich – aber auch notwendig.

Bei Siemens scheinen in dieser Hinsicht keine Hindernisse zu bestehen. Nach seriösen Schätzungen wird der Gewinn je Aktie hier um weitere 7 auf 77 Mark steigen. Das hieße, die Siemens-Aktie wird gegenwärtig nur mit dem 7,8fachen eines Jahresertrages je Aktie bewertet. In der Großchemie wird indessen wegen des rückläufigen Dollar-Kurses und der nachlassenden Konjunktur mit einem leichten Gewinnrückgang gerechnet. Aber auch er würde am Kurs-/Gewinn-Verhältnis nichts Wesentliches ändern.

Ein weiterer Blick auf die Tabelle zeigt, daß es noch einige wenige Aktien gibt, die auch von der Rendite her interessant sind. Und auch hier müssen wieder an erster Stelle die drei Unternehmen der Großchemie angeführt werden. Bei Hoechst beträgt die Rendite unter Einbeziehung des Körperscnaftsteuerguthabens rund sieben Prozent. Der Kapitalmarktzins für zehnjährige Anlagen liegt nur bei 6,5 Prozent. Durch ihre in jüngster Zeit angehobenen Kurse sind die Versorgungsaktien, die lange Zeit die Liste der renditeträchtigen Papiere angeführt haben, inzwischen weniger reizvoll geworden. K.W.