Von Jutta Wilhelmi

Gelehrsamkeit schicke sich nicht für das weibliche Geschlecht, weil dasselbe nicht fähig sey, etwas tüchtiges zu leisten.“ Dorothea Christiane Leporin, die hier das Vorurteil ihrer Zeit zusammenfaßte, war die erste Frau, die an einer deutschen Universität zum Doktor der Medizin promovierte. Ihre „Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studium abhalten“ hatte sie bereits 1742 geschrieben.

Bei einem Frauenanteil von 40 Prozent an den Studierenden ist man heute ein Stück weitergekommen, obwohl Frauen erst in der Weimarer Republik das Recht erhielten, sich zu immatrikulieren. Seit 1922 können sie sich habilitieren. Doch der Rechtsanspruch allein hat das Ungleichgewicht im Wissenschaftsbereich nicht aufgehoben. Nach wie vor ist die Scientific Community eine Männerwelt. Unter den Hochschulassistenten gibt es gerade mal 8,3 Prozent Frauen, bei den höchstdotierten C4-Professuren gar nur bescheidene 2,4 Prozent. Dafür sind sie unter dem wissenschaftlichen Fußvolk um so stärker vertreten, gut 30 Prozent bei den „Hiwis“, den wissenschaftlichen Hilfskräften. Doch droht ihnen auch hier, im Kampf um knappe Teilzeitstellen wieder Terrain verlorenzugehen. Um so entschiedener treten die verbliebenen, hochqualifizierten Akademikerinnen an den Hochschulen auf. Sie haben sich zusammengetan, Fraueninitiativen gegründet, Frauenbildung und -studien organisiert, Frauenarchive eröffnet und Frauenforschung zu einer anfangs zwar belächelten, heute durchaus akzeptierten Einrichtung gemacht. „Forschung von Frauen für Frauen“ ist die Devise. Und solange diese benachteiligt sind, gibt es Stoff genug. Frauenforschung ergänzt die Hochschul- und Berufsforschung, soll eine neue Sichtweise in traditionelle Fächer und Gegenstände bringen. Nicht, weil sie glauben, die besseren Menschen und Köpfe zu sein, sondern weil sie glauben, aus ihrer besonderen Lebenserfahrung heraus, Wissenschaft praxisnäher und sensibler für gesellschaftliche Probleme zu machen.

Es sind dies keine Tagträume einiger feministisch angehauchter Akademikerinnen mehr. Es gibt inzwischen „Sektionen für Frauenforschung“ etwa in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und ähnlichen Einrichtungen der Historiker, der Erziehungs- und Sprachwissenschaften. Daran, daß sie „Frauenforschung“ immer noch gut verpacken müssen, um an Fördermittel zu kommen, haben sie sich gewöhnt, schließlich haftet dieser Thematik aus der Sicht der Förderorganisationen etwas Exotisches an. Ein bißchen „Indianerspiel“ sei das halt, meinte eine Professorin auf einem Symposium „Frauen in Hochschule und Beruf“ in der Gesamthochschule Kassel. Dort trafen sich Forscherinnen aus dem Bundesgebiet und Österreich, um über die Lage von Wissenschaftlerinnen, aber auch über neue Forschungsansätze zu diskutieren.

Ihr Selbstbewußtsein wächst in dem Maße, in dem die Praxis sie fordert. So sprach die Kasseler Frauenbeauftragte, Barbara Stolterfoth, von einem dringenden Bedarf an Modellen und Analysen über die Probleme von Frauen auch außerhalb der Hochschule. Ob es nun darum geht, ein frauenfreundliches Steuerrecht zu entwerfen, die psychosozialen Folgen von langer Frauenarbeitslosigkeit zu definieren oder Betriebsabläufe so zu organisieren, daß sie frauengerechter, man kann auch sagen, mütterfreundlicher, sind. Kein Mangel an Themen, Ideen, Engagement, aber an einflußreichen Positionen. Daß Keine deutsche Hochschule einen Frauennamen trägt, wird nur als das äußere Zeichen für die Randständigkeit der Frauen im Wissenschaftsbetrieb beklagt, in dem ein gnadenloser Verteilungskampf um die immer weniger werdenden Spitzenpositionen tobt.

Was tun? „Frauenförderpläne“ und „-programme“ sind sicher notwendig, existieren bisher aber nur auf dem Papier. Die Vizepräsidentin der Hamburger Universität, Heide Pfarr, fordert mehr Druck, den die Frauen selbst ausüben müssen. Jene vor allem, die bereits entsprechende Positionen haben. Solidarität ist aber keine Selbstverständlichkeit unter Akademikerinnen. Ein gewisser „Thatcherismus“ sei nicht zu leugnen, meinte man in Kassel.

Zwar wurde nun ein Passus in das neue Hochschulrahmengesetz eingefügt, der die Hochschulen anhält Sorge zu tragen, „daß für Wissenschaftlerinnen bestehende Nachteile“ abgebaut werden. Die Ausführung dieses Globalauftrages aber bleibt den Ländern überlassen. Bei ohnehin knappen Stellen und Haushalten in den Hochschulen wird es vorerst bei Lippenbekenntnissen bleiben. In Bonn sieht es auch nicht besser aus: Denn was zum Beispiel ist davon zu halten, wenn – wie jüngst in Bonn geschehen – eine Bildungsministerin ihr seit einem Jahr verwaistes Frauenreferat einem Mann überträgt, der sich außerdem noch um andere Problemgruppen wie Ausländerkinder und Lehrer zu kümmern hat?