Helmut Kohl will den Deutschen ein großes Historisches Museum schenken. Unser Autor hat eine andere Idee:

/ Von Mathias Greffrath

Bundeskanzler Helmut Kohl (55) stand gestern nachmittag im blauen Anzug am Fenster des Reichstags, streckte den rechten Arm aus. Er zeigte auf den Platz unmittelbar vor dem Gebäude, wo ein paar junge Leute Fußball spielten, und rechts in den Spreebogen, sagte dann zum Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (43): ‚Hier soll das Deutsche Museum hin.‘ Damit steht der Standort jetzt fest.“

So schrieb BILD und beschrieb wie der Kanzler „der alten Hauptstadt der Deutschen“ am 13. Juni ein „Deutsches Historisches Museum“ schenkt, eine „Stätte der Selbstbesinnung und der Selbsterkenntnis, in der nicht zuletzt die jungen Menschen etwas davon spüren können – und sei es auch zunächst nur unbewußt – woher wir Deutschen kommen, wer wir sind, und wo wir stehen.“

Und so wird nun, wo früher die Krolloper stand, in zwei Jahren der Grundstein gelegt werden. Wolf Jobst Siedler begrüßt, daß es nun „zurück zur Stadtmitte“ gehe, daß nicht länger nur Ost-Berlin über „historische Kulissen dieser Art“ verfüge, daß nun der alte Königsplatz wieder auferstehe. Am Rande von West-Berlin

Unter der Obhut des Bundes(!)bauministers sollen „15 oder 16 Herren“ (Zwischenfrage: „Herren?“ „Ja, Herren.“) zwischen den fünf oder sechs weitbesten Architekten einen Wettbewerb veranstalten, damit es ein „Jahrhundertbauwerk“ wird, „in baulicher Hinsicht nach erstklassigen Maßstäben“, wie es der Gründer will. Schon kann man wetten: Sterling oder Meier? Unklar ist noch, wer unter den Spezialisten für die Füllung des Baus gewinnen wird: die Auratiker oder die Simulatoren, die Walhall-Befürworter oder die von Multi-Medien-Shows für Schulklassen. Kultursenator Hassemer hält sich bedeckt: „Das Haus soll ein Zielort der Erfahrungen sein, die wir im Ringen um die Meinung, wie dieses Haus gestaltet werden soll, gewinnen.“ Habe Geld, will bauen, suche Konzept.

Vorbei also die Zeit, in der man an nebligen Novembersonntagen in Gummistiefeln durch die Wiesen laufen konnte, bis aus dem Nebel der Reichstag auftauchte, in dem vielleicht ein, zwei Fenster erleuchtet sind, und die Kinder fragen: „Wer wohnt eigentlich in dem Schloß?“; vorbei die Zeit, in der man auf diesem „Ödland“ spüren konnte, was das mal war: Deutschland, und davon erzählen, wie es damit aufhörte. Wo einmal eine Mitte war, soll nun wieder eine hin. Als wäre nichts geschehen. Als ginge das so einfach. Ach, Berlin.