Von Carl Dahlhaus

Darf man einem Journalisten, ohne ihn bitter zu kränken, die schlichte Wahrheit nachsagen, daß er so fleißig ist, wie es Wissenschaftler eigentlich sein sollten? Jedenfalls ist Dieter Hildebrandt ein viel zu präziser Journalist, als daß er es sich erlauben würde, auch nur eine einzige Zeile über einen Gegenstand zu schreiben, von dem er wenig versteht. Natürlich war ich überrascht, gerade von ihm ein Buch über das Klavierspiel im 19. Jahrhundert erscheinen zu sehen.

Aber mein Vertrauen ist fast unbegrenzt, und es wurde keinen Augenblick enttäuscht. Das Thema – man muß es so lapidar sagen – hat seinen Autor gefunden. Selbst wenn Hildebrandt Veränderungen der Klaviermechanik schildert, stimmt jedes Wort.

Man sollte allerdings keine falschen Erwartungen an das Buch knüpfen: Hildebrandt, bekannt für seinen Pointenstil, parodiert niemals, sondern erzählt einfach – mit dem Maß an Ironie, das in der Präzision liegt wie es gewesen ist oder jedenfalls gewesen sein könnte, als Schubert auf dem Sterbebett Coopers „Lederstrumpf“ las (Beethovens analoge Lektüre, ein Jahr früher, war Walter Scott), Louis Moreau Gottschalk in Kalifornien einem Publikum von Goldsuchern Respekt abnötigte (vor einer Kulisse, die an Brechts „Mahagonny“ erinnert) oder Beethoven beim Klavierwettstreit den Abbé Gelinek, der es wissen mußte, davon überzeugte, daß er der leibhaftige Teufel sei.

Hildebrandts phantasievoller und fintenreicher Stil ist jedem Thema gewachsen. Am eindrucksvollsten aber ist er, wenn er bitterernst bleibt und den Leser dazu bringt, mit Schubert das Andante der A-Dur-Klaviersonate zu durchleiden, mit Clara Wieck in Paris zu frieren oder Schumanns Ängste zu teilen.

In der Art, wie Liszt seinen Rivalen Thalberg herausforderte, sieht Hildebrandt bloße Unbesonnenheit. Es scheint sich jedoch eher um einen riskanten Kalkül zu handeln – um den gleichen wie anderthalb Jahrhunderte später bei Peter Handkes Auftritt vor der „Gruppe 47“ in Princeton: Wer der eigenen Überlegenheit sicher ist, kann es sich leisten, als noch fast Unbekannter die Konkurrenz zu beschimpfen – die Leute, neugierig geworden, werden schon merken, wer man ist.