Palästinenser kaperten am Montag vor Alexandria ein italienisches Kreuzfahrtschiff. Hunderte von Seeleuten und Passagieren wurden zu Geiseln der Entführer, die von Israel die Freilassung von 51 arabischen Häftlingen forderten.

Die Schiffsentführung, so sagte in Washington Präsident Reagan, sei eine „ganz lächerliche Sache“. Mitteilungen der Piraten ergaben ein anderes Bild: Danach hatten die Entführer mit der Tötung von Geiseln begonnen; wenig später dementierten sie aber wieder die Ermordung von zwei Amerikanern.

Die „Achille Laura“ – benannt nach einem skandalumwitterten neapolitanischen Reeder und Politiker – war mit 780 Passagieren und etwa 350 Besatzungsmitgliedern im östlichen Mittelmeer unterwegs. Die meisten Passagiere waren von Alexandria aus zu einem Landausflug Richtung Kairo gestartet. In Port Said, am Nordausgang des Suezkanals, sollten sie wieder an Bord gehen. Statt dessen mußten sie sich in Kairo der Obhut ihrer Botschaften anvertrauen: Kurz nach dem Auslaufen aus Alexandria hatte am Montag abend eine Gruppe von Palästinensern – angeblich sieben Mitglieder der „Palästinensischen Befreiungsfront“ (PLF) – dem Kapitän das Kommando entrissen. Sie drohten, das Schiff in die Luft zu jagen oder ihre Geiseln zu erschießen. An Israel richteten sie die – aller bisherigen Erfahrung nach aussichtslose – Forderung, 51 Mitkämpfer freizulassen, darunter verurteilte Mörder von Zivilisten.

Auf Anweisung der Entführer verließ das Schiff am Morgen nach dem Piratenstreich die ägyptische Küste und nahm Kurs auf den syrischen Hafen Tartous. Zwanzig Kilometer vor diesem Ziel teilten die Entführer den syrischen Behörden über Funk mit, ein Vertreter des Roten Kreuzes sowie die Botschafter Italiens, der Vereinigten Staaten, der Bundesrepublik und Großbritanniens in Damaskus hätten sich auf dem Schiff zu Verhandlungen über das Schicksal ihrer Landsleute einzufinden. Eine halbe Stunde später – die syrische Regierung hatte anscheinend die Zusammenarbeit mit den Entführern abgelehnt – gaben die Palästinenser die erste Geiselerschießung bekannt und drohten erneut, das Schiff zu sprengen. Dann ließen die Entführer den Hafen Larnaka auf Zypern ansteuern, wo die „Achille Lauro“ mit Lebensmitteln und Treibstoff versorgt werden sollte.

Nach unzähligen politisch motivierten Flugzeugentführungen war die Entführung des Kreuzfahrtschiffes die erste Geiselnahme zur See in der Geschichte des nahöstlichen Terrorismus. Die Organisation der Piraten, die PLF, gehört zu den vielen kleinen Fraktionen in der Palästinenser-Dachorganisation PLO, die Jassir Arafats relativ moderaten Kurs ablehnen und darum die PLO heute boykottieren.

Das Problem des Terrorismus, bedeutete Israels Ministerpräsident Peres wenige Stunden nach der Entführung, müsse in internationaler Kooperation behandelt werden: Vorsichtige Bereitschaft zu Konzessionen oder Einladung zu einer konzertierten Befreiungsaktion?

Italiens Ministerpräsident Craxi bekundet den Willen seiner Regierung die Geiselnahme friedlich zu beenden – eventuell mit der Unterstützung Arafats und der PLO. Gleichzeitig liefen amerikanische und italienische Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer aus, und in vielen westlichen Hauptstädten tagten Krisenstäbe. Deren erstes Ziel allerdings mußte die Aufklärung des Schicksals ihrer Landsleute unter den Passagieren und Besatzungsmitgliedern der „Achille Lauro“ sein. Über 24 Stunden nach der Geiselnahme war zum Beispiel immer noch unbekannt, wie viele Deutsche auf dem Schiff festgehalten wurden: mindestens sechs Menschen, vielleicht auch die doppelte Zahl – ältere Passagiere, die sich den Strapazen des Landausflugs quer durch Ägypten nicht hatten aussetzen wollen.

Hans Jakob Ginsburg