Besonders eins wollte sich der Herausgeber f-v des „Buntscheck“ verkneifen: „romantische Altertümelei, vor allem die à la Biedermeier“. Statt dieses „aufgewärmten Blumenkohls“, der für Kinder „das reine Gift sei, konzipierte Dehmel ein Sammelbuch herzhafter Kunst mit Beiträgen von Jakob Wassermann, Paul Scheerbart, Peter Hilfe, Alfred Mombert, Robert Walser, Liliencron und Oskar Wiener. Für die Illustration konnte er Rudolf Weiß, Kreidolf, Karl Hofer und den Renoir-Schüler Freyhold gewinnen.

Elemente der Art Nouveau treffen in diesem Bilderbuch mit frühexpressionistischer Auffassung des jungen Hofer zusammen, und es entstand dieses poetische Album, das sich wie ein Kleinod im fetten Schund und Schwulst übriger Produktionen ausnahm. Der desolate Zustand von Kinderliteratur im späten 19. Jahrhundert spiegelt sich in der spekulativen „Naivität“, süßlichen Verzerrung, die dem Leser etwa in „Freud und Leid der Kinderzeit“ zugemutet werden: polierte, harmonisierte, mit Süßlack überzogene Wirklichkeit. Wolgast wußte, warum er in seinem wütenden Aufsatz von Elend und Tristesse der Jugendliteratur gesprochen hatte.

Und dann 1904 diese ästhetische Sensation, um deretwillen Dehmel „eine horrible Correspondenz“ geführt hatte, damit er die besten Köpfe seiner Zeit zur Mitarbeit an diesem Projekt bewegen konnte.

Der Reprint dieser Sammlung nach dem „Luxus-Exemplar Nr. 44“ aus der Deutschen Staatsbibliothek Berlin ist keineswegs bloß für den kleinen Kreis bibliophiler Sammler bestimmt; er gehört in den Grundstock der Bibliothek jedes Kinderbuchfreundes.

Die unselige Trennung in zweierlei Ästhetik, eine mindere für Kinder und eine gehobene für Erwachsene, die soviel „gutgemeintes“ oberes und unteres Mittelmaß verschuldet hat, ist hier genial aufgehoben.

Über ein Jahrhundert lang habe das „spezifische Kinderbuch“ leere Stunden kindlicher Leser mit nichtigem Zeugs gefüllt, schrieb Wolgast 1896 (und für viele Kinderbücher gilt das ärgerlicherweise heute noch). Richard Dehmel hat mit dem „Buntscheck“ die fatale Zwei-Künste-Theorie hinreißend widerlegt.

„Der Buntscheck. Ein Sammelbuch herzhafter Kunst für Ohr und Auge deutscher Kinder“, herausgegeben von Richard Dehmel mit einem Kommentar von Sabine Knopf; Insel Verlag, Frankfurt; 64 S., 29,80 DM.