Die kommunistischen Parteizeitungen •Osteuropas sind sich einig. „Wir brauchen revolutionäre Änderungen“, heißt die Parole, „die große Wende bahnt sich an“. Wortreich wird die „Schwelle in ein revolutionäres Zeitalter“ überschritten.

Das Pathos der Parteijournalisten gilt aber nicht dem sozialistischen Aufbau. Auch ist nicht die Rede von neuen gesellschaftlichen Visionen. Es geht um Profaneres: Das Computerzeitalter ist über Osteuropa hereingebrochen. Mit gehöriger Verspätung versuchen die europäischen Comecon-Staaten doch noch auf den elektronischen Zug aufzuspringen, der in den USA und Japan schon lange abgefahren ist.

Über den technologischen Graben, der Osteuropa von den kapitalistischen Staaten trennt, gibt es höchst widersprüchliche Angaben, deren einziger gemeinsamer Nenner die Einigkeit über die östliche Rückständigkeit ist. Pessimistische Nato-Kreise verringern den technischen Abstand der sowjetischen Rüstungsindustrie zu den amerikanischen Raketenbauern auf ein bis zwei Jahre. Solche Schätzungen verweist der amerikanische Computerfachmann des Sperry-Konzerns Carl Hammer ins Reich der Phantasie.

„Das Lenken der sowjetischen Weltraumraketen erfolgt mit monströsen und vergleichsweise langsamen Computern, die westliche Experten bereits zum Bestand der technischen Museen rechnen“, erklärte Hammer bei einem Computersymposium in Wien. Die Differenz zwischen Nato-Schätzungen und der Meinung unabhängiger Experten läßt auf eine routinemäßige Schwarzmalerei der Berufssoldaten schließen.

Die in periodischen Abständen immer wiederkehrenden Berichte vom Auffliegen östlicher Technologiespione im Westen und die hohen Preise, die westeuropäische Computerschmuggler im Osten mit hochwertigen Elektronenrechnern erzielen können, verdeutlichen aber die Anstrengungen der sozialistischen Staaten trotz Embargo den Anschluß an die kapitalistische Technologie zu gewinnen. Der abgesprungene rumänische General Ion Pacepa berichtet sogar von einem Gespräch mit seinem Präsidenten Nicolae Ceausescu, in dem dieser, eben aus der Sowjetunion zurückgekehrt, mit leuchtenden Augen von der Existenz eines sowjetischen Silicon-Valley sprach. In diesem Wissenschaftszentrum von Selenograd dürften die Elektronikspezialisten inzwischen über eine sowjetische Antwort auf das amerikaniche Star-Wars-Programm brüten.

Im Alltagsleben der Sowjetbürger ist die Computerrevolution allerdings bislang ausgeblieben. In Moskauer Auslagen lassen sich zwar 43 verschiedene Taschenrechner zählen. Auch kleine Computerspiele made in UdSSR sind schon darunter. Die Kassiererinnen in den Warenhäusern freilich kalkulieren lieber mit dem altvertrauten Abakus, Schtschoti genannt, anstatt sich der daneben stehenden Registrierkasse zu bedienen. Im zivilen Sektor dürfte der Rückstand in der Computertechnik im Vergleich – zum Westen noch immer mehr als fünfzehn Jahre betragen. Heimcomputer sollen in der UdSSR nach offiziellen Angaben erst im Jahr 1990 für jedermann erhältlich sein.

Computer um jeden Preis