Von Udo Steinke

Es soll in der Bundesrepublik rund fünf Millionen ehemalige DDRler geben. Die meisten im reiferen Alter, denn am 13. August 1961 wurde das einfache „Rübermachen“ gewaltgestoppt.

Die bis dahin Ungestoppten waren damals begeisterte Leser, die meisten jedenfalls. Ich weiß das, denn 1961 hatten ich und 95 Prozent meiner Altersklasse schon alles „intus“ – wie man damals gesagt hat – was an Weltliteratur auf dem Markt war. Natürlich wurde auch der „Weltkitsch“ verschlungen. Und gerade die, die damals am meisten gelesen haben, waren am anfälligsten fürs „Rübermachen in den Westen.“

Und wenn die bundesdeutsche Wohlstandsverwahrlosung den „Rübergemachten“ von damals noch immer nicht die Leselust abgetötet hat, dann sollten die mal „Zwangsweg“, den Roman von Ekkehart Rudolph, lesen, und sie werden’s hernach spüren:

Mensch, das Buch in einem Atemzug gelesen – wo bin ich? Ich bin doch soeben zurückbeklemmt worden ins Jahr 1959/60, ich habe ein paar Stunden gelacht, geheult, mich geduckt, vorsichtig nach Spitzeln geillert, ’ne LPG-Traktoristin stumm, kurz und schmerzlos beschlafen (für weibliche DDR-Leser: Ich verstehe das Traktorenweib völlig, den Kerl auch), das Vertrauen eines DDR-Professors genossen, ’ne alte Liebe durchlitten, einen anderen DDR-Professor bewundert, jenen, der wie selbstverständlich und splitterfasernackt stets am Hiddenseer Nacktstrand die festlich dunkel gekleideten Examenskandidaten geprüft und doch eines Tages deshalb Schwierigkeiten bekommen hatte. Und dann habe ich das Buch zugeklappt und bin schleunigst nach dem Westen abgehauen. – Nein, Gott sei Dank, ich bin ja schon hier. Aufatmen.

Mit einfachen und deshalb sehr wirksamen Mitteln legt uns ehemaligen DDRlern Ekkehart Rudolph den Zahn jener Zeit ins Maul. Und auf der Zunge spürt man das leise Lachen des Autors, deshalb nichts Pelziges auf den Geschmacksnerven ehemaliger DDR-Zungen.

Würde mich interessieren, wie die Zunge eines gescheiten, aufrechten bundesdeutschen Lesers, der nie im Leben was mit der DDR am Hute hatte, reagiert. Kommentar meiner Gretl, Ur-Bayerin und „noch“ lesende Halbtags-Medizinerin: „Kruzifix, des iss unglaublich.“