Die Branchenkrise belebt die Solidarität in der Baugewerkschaft

Mehr als andere halten die Männer vom Bau seit eh und je auf Recht und Ordnung. Sie sind es gewohnt, daß einer das Sagen hat. So war es auch stets bei ihrer gewerkschaftlichen Vertretung, der IG Bau, Steine, Erden. Georg Leber, der spätere Bundesinnenminister, war als Chef der Bauarbeiter einst unumstrittene Autorität. Sein Nachfolger Rudolf Sperner paßte zwar nicht mehr ganz in die großen Fußstapfen eines „Schorsch“ Leber, konnte aber in der Tradition seines bedeutenden Vorgängers die straffe Führungsstruktur in der Hand behalten.

Als Konrad Carl vor nunmehr drei Jahren die Führung der konservativen Gewerkschaft übernahm, wurde offenkundig, daß die gesellschaftlichen Veränderungen der siebziger Jahre auch an den Bauarbeitern nicht spurlos vorübergegangen sind. Schon wenige Monate nach Carls Amtsantritt probte die Basis den Aufstand. Der erste Lohnabschluß unter seiner Leitung wurde von der Tarifkommission verworfen, eine peinliche Panne, die ihm im vergangenen Jahr noch ein zweites Mal widerfuhr.

Schlimmer noch traf es Konrad Carl und seine Hierarchen, als eine oppositionelle Gruppe in der Organisation das absolutistische Herrschaftsgebaren der Bosse nicht mehr unwidersprochen hinnehmen wollte. Im Stuttgarter Bezirk der IG Bau fühlten sich Kritiker aufgerufen, an den Grundfesten der Organisation zu rütteln.

Mit Hilfe des Gerichts ließen sie nach dem Gewerkschaftstag 1982 die Wahl des Vorstands unter Hinweis auf einen Formfehler für ungültig erklären. Der innergewerkschaftliche Krach, der sich nach diesem aufsehenerregenden Vorgehen von Kollegen gegen Kollegen entwickelte, ist ohne Beispiel in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Mit ungewöhnlich ruppigen Methoden versuchte die Frankfurter Zentrale denn auch, sich der unliebsamen Rebellen aus dem Südwesten zu entledigen. Doch die gaben so schnell nicht auf.

Bis wenige Tage vor dem Kongreß, der in dieser Woche in Hamburg stattfindet, zogen sich die Gerichtsverfahren über die Rechtmäßigkeit der Beschlüsse von 1982 hin. Nun lehnte der Bundesgerichtshof das Revisionsbegehren des Vorstands ebenso ab wie das seines innergewerkschaftlichen Gegners aus Stuttgart. Die Rechtsstreitigkeiten sind damit zu Ende. Die Delegierten konnten die gerichtlich beanstandeten Satzungsfehler in dieser Woche durch ordnungsgemäße neue ersetzen. Es scheint, als habe der jahrelange Zwist den Widerstand erlahmen lassen. Die erforderlichen Korrekturen wurden in Hamburg ohne die erwartete unerquickliche Grundsatzdebatte und ohne die Gefahr einer neuerlichen Spaltung der Organisation vorgenommen.

Konrad Carl kann aufatmen. Sein harter Kurs hat ihm letztlich zum Sieg verholfen. Erst jetzt, drei Jahre nach seiner Wahl, kann er sich mit Fug und Recht als Chef der Bauarbeitergewerkschaft fühlen.