Von Harry Rowohlt

Kinderbücher, die mich prägten? Gehen wir mal für die Dauer dieses Beitrags davon aus, daß ich geprägt wäre Doch, doch. „Pu der Bär“, das schönste Kinderbuch der Welt, das schönste Buch der Welt, das hat mich durchaus geprägt.

Und auch sonst. Ich konnte nämlich, bis ich drei Jahre alt war, nicht sprechen. Meine Mutter hatte sich schon damit abgefunden, daß ich ein bißchen doof bin, aber Kind ist Kind, und da wollen wir mal nicht so sein. Damals waren nämlich die meisten Kinderbücher in Versen abgefaßt, und ich nahm an, es würde allgemein so gesprochen, und solange ich das noch nicht beherrschte, hielt ich lieber die Klappe.

„Bill hat ein Bällchen, und das ist rund. Sein rundes Fellchen ist kunterbunt. Bill sprach zu Bällchen: ’Du gefällst mir sehr (wie Romy Schneider zu Burkhard Driest). Mein Spielgesellchen, wo kommst du her?“ Woraufhin der Ball dem Buben einen Bären nach dem andern über sein Ballaballa-Land aufbindet: Alice im Wunderland, Dorothy in Oz, Christopher Robin in Pooh’s Corner. „Bill und Bällchen“ hieß das Buch, aber von wem es war und wo es erschienen ist, weiß ich nicht.

Als ich dann doch etwas sagte, war das nicht „Mamma“ oder „Pappa“ (das schon gar nicht, denn so was Feines hatten wir damals noch nicht), sondern und das glaubt mir zwar niemand, es stimmt aber trotzdem, es war die Zeile „Ich habe gelogen, betrogen, gestohlen; meine Hände sind schmutzig. Meine Mutter ist nämlich Maria Pierenkämper, die weltberühmte unbekannte Schauspielerin, und diese memorierte damals die „Medea“ von Anouilh und stürmte dabei im Zimmer auf und ab, und ich sah ihr von meinem Laufställchen beim Memorieren zu, immer auf und ab, wie beim Tennis. Und wenn sie nicht memorierte oder weg war, las sie mir vor, mit Betonung und allem Drum und Dran, und war viel besser als viel später, als ich sie in Gelsenkirchen als Maria Stuart auf der Bühne sah, aber diese Enttäuschung kam daher, daß der Darsteller des Mortimer mir vorher verraten hatte, die beiden Königinnen würden zum Schluß von links und rechts auf die Bühne reiten, meine Mutter auf einem Rappen, die miese Elisabeth auf einem Fuchs, und sich mit Pistolen duellieren, was aber gar nicht stimmte, sondern meine Mutter wurde geköpft, und auch davon wurde nur geredet, und man sah es gar nicht, zum Glück.

Im Kindergarten war dann Prosa Verkehrssprache, und das Sprechen mit Endreim, das zu Hause niemanden gestört hatte, ließ ich schon am ersten Tag sein, weil Veronika, die eine Brille hatte, das affig fand. Veronika hieß mit Nachnamen Scholz, wie der Kinderbuchverlag Scholz in Mainz, und dadurch gab es wieder ganz andere Kinderbücher und die Kinderzeitschrift „Die bunte Kiste“, und all das fand ich nun wieder affig, was ich aber nie zugegeben hätte, weil Veronika eine Brille hatte. Veronika wanderte dann mit ihrem Vater nach Amerika aus, während ihre jüngere Schwester Katharina mit der Mutter in Wiesbaden blieb (oder wie oder was), so daß ich, weil Katharina ebenfalls eine Brille hatte, erst mal versorgt war. Ach, Katharina. Sie paßte auch altersmäßig viel besser zu mir, weil sie nur noch anderthalb Jahre älter war als ich, und sie konnte – wir nannten das „Verliebungsmahl“ – Nudelsuppe auf dem Puppenherd kochen. Aber dann ging sie auf die Schule und konnte plötzlich lesen und schreiben, so daß ich praktisch kein Umgang mehr für sie war, und da habe ich meine Mutter so lange angemault, bis ich auch auf die Schule durfte, was später ganz günstig war, weil ich, als ich sitzenblieb, immer noch der Jüngste in der Klasse war („Der Zweitjüngste“, sagt Christiane Bender an dieser Stelle immer.).

Nun konnte ich also lesen und machte die zweite wichtige Entdeckung: Es hieß Pu. Der Bär und nicht Puderbär. Das ging ja noch, aber außerdem entdeckte ich, daß auf Englisch alles anders geschrieben als gesprochen wird. Mein Bruder Heinz hatte mir nämlich amerikanische Kinderbücher mitgebracht – ein Riesenbuch, BIG FARMER BIG, über einen Riesen, der sich zum Frühstück vierhundert Eier in die Pfanne kloppt, mit einer kleinen Tasche dran und einer winzigkleinen Broschüre drin, little farmer little, über einen Zwerg, dessen Bett aus einer Streichholzschachtel und vier Streichhölzern besteht, sowie Tiny Nonsense Stories, geschrieben von Dorothy Kunhardt und illustriert von Garth Williams (Simon & Schuster 1949): Das sind zwölf kleine Bücher (zum Beispiel The Cowboy Kitten, Mrs. Sheep’s Little Lamb, Poor Frightened Mr. Pig) in einem Schuber, 12,5 x 10,5 cm, der außen wie ein Brownstone-Häuserblock aussieht (Optiker Eule, Dr. Quack, Peacock’s Fashions, Goose’s Feather Beds und die Tanzschule von Mlle. Cow) und innen wie ein Supermarkt („Trv Our Super Soup!“). Dies schöne Stück habe ich heute noch, und vom Zerfledderungsgrad her muß Happy Valentine mein Lieblingsbuch gewesen sein. Es geht da um einen jungen Hund namens William Cocker jr., der am Valentinstag allen Freunden – und besonders dem Polizisten, der machen kann, daß die Ampel „Grün“ zeigt – Liebesbriefe zusteckt und zur Belohnung plötzlich unheimlich viel Post kriegt. Und weil meine Mutter mir das alles vorgelesen hatte, wußte ich, was das alles heißt und wie man das alles ausspricht, was mir alles ziemlich nützte, weil ich mit einem Schäferhund (keinem deutschen Schäferhund, sondern einem amerikanischen Schäferhund) befreundet war, der mich morgens abholte und zur Schule brachte und mich nach der Schule auch wieder abholte und zu seiner Familie mitnahm, wo es noch einen Hund gab, einen Boxer (keinen deutschen Boxer, sondern einen amerikanischen Boxer), und jede Menge Amigören, und wo ein Kind mehr oder weniger nie auffiel. „Oh, that’s Harry; he’s the dog’s German friend“, hieß es, und weil die Amis zwanghaft jedes Kraut-Balg fütterten, war bald Schluß mit Rachitis und Brennesselspinat: Kinderbücher, die mich prägten. Außerdem war es irre, wie schlecht sich die Amigören benehmen durften: Mein Freund, der Schäferhund, die erwachsenen Amis und ich schienen weit und breit die einzigen Menschen mit einer gewissen Lebensart zu sein.