Von Klaus Viedebantt

Die Stimme aus dem Cockpit war so markant, wie ängstliche Fluggäste sie sich wünschen: „Meine Damen und Herren, sorgen Sie sich nicht, wenn es gleich lauter als gewohnt wird. Wir fahren nur das Fahrwerk etwas früher als sonst aus.“

Es rumpelte wie angekündigt. Die Boeing 727 sank mit gebremstem Schwung der kargen Felsenlandschaft entgegen, die im Licht der Nachmittagssonne rotgolden schimmerte. Dann, wenige Minuten vor der vermeintlichen Landung, zog der Pilot den Jet wieder hoch, drehte eine Schleife und setzte seine Maschine sanft und sicher auf der Piste von Aleppo auf.

Das war vor einigen Wochen und einer der Eröffnungsflüge der Lufthansa zu ihrem neuen Ziel im nördlichen Syrien. Damals kannten noch nicht alle Piloten den (keineswegs nach jüngstem technischem Stand ausgerüsteten) Flughafen, deshalb machten sie sich im Überflug mit seinen Eigenheiten vertraut. Mittlerweile sind die Anflugprobleme überwunden. Am Boden freilich ist noch viel zu tun: Die stundenverzehrenden, bürokratisch-umständlichen Einreiseprozeduren bleiben reformbedürftig, wenn die syrische Regierung ihrem Ziel, den Tourismus stark auszuweiten, näherkommen will.

„Der Ausbau des Fremdenverkehrs ist Syriens erste Priorität“, erklärte Noavas Al-Daker, der Tourismusminister der Volksrepublik. Der Politiker hat etwas von der Schläue seines Staatschefs Assad. Er räumt Defizite im touristischen Angebot ein, wo sie unübersehbar sind, und verheißt Besserung nur da, wo sie realistischerweise auch erreichbar ist. Typisch arabisch ist solche Selbstbeschränkung nicht, aber sie schafft Glaubwürdigkeit – und das ist nicht einfach für den Repräsentanten eines Militärregimes, das Staat und Baath-Partei gleichsetzt.

Dieses Image eines Militärstaates hat es Syrien bislang schwer gemacht, an die begehrten Touristendevisen zu kommen. Es mangelt dem Mittelmeerstaat zwar nicht an Besuchern, an Jordaniern, Libanesen und (nicht sonderlich geschätzten) Pilgern aus dem Iran, die in Damaskus der großen Moschee – einem der Hauptheiligtümer des Islams – zustreben, aber erwünschter sind Urlauber aus Westeuropa. Doch die kommen nur spärlich. Mit rund 20 000 Gästen jährlich stellen die Franzosen das größte Kontingent, mit knapp 19 000 Besuchern sind die Deutschen Nummer zwei – Zahlen, die Spanien mühelos an einem Tag schafft. Aber Spanien ist auch nicht in einen Krieg im Nachbarland verwickelt wie Syrien im Libanon, und Madrid wird im Gegensatz zu Damaskus nicht zu den Freunden Moskaus gezählt. Von der nicht unberechtigten Einschätzung als sowjetischer Sympathisant hofft die Regierung jetzt allmählich freizukommen, nachdem sie Washington geholfen hat, die Geiseln von Beirut frei zu bekommen.

Und der Krieg? Der Bürgerkrieg im Libanon? Der fragile Waffenstillstand an der syrisch-israelischen Grenze? Der Minister antwortete mit einer Gegenfrage: „Haben Sie das Gefühl gehabt, in Syrien durch ein kriegführendes Land gereist zu sein?“ Nein, das nicht. Man sieht weit weniger Soldaten, als man nach Zeitungsberichten erwartet hatte; in der Wüste hin und wieder ein Armee- oder Luftwaffencamp, an den Einfallstraßen der wichtigsten Städte kontrolliert die Militärpolizei. Und die Erfahrung anderer Touristen, daß Soldaten zahlreichen knipsenden Urlaubern die Filme aus den Kameras zerrten, blieb uns erspart. In den Städten deuten nur Betonsperren vor den öffentlichen Gebäuden und Posten vor Offizierswohnheimen auf die Brisanz des Nahen Ostens hin. Daß sich Präsident Assad, als Plakat-Ikone im ganzen Land unübersehbar, einen trutzigen Palast auf den Höhen oberhalb von Damaskus bauen läßt, mag nicht nur Sicherheitsgründe haben, orientalische Prunkentfaltung ist ebenso wichtig.