Von Hans Christoph Buch

Oppositionelle Literatur aus Osteuropa hat es nicht leicht in der Bundesrepublik. Anders als in Westeuropa, dessen Geschichte nicht auf so heillose Weise mit der Rußlands, Polens oder der Tschechoslowakei verknüpft ist, hat die Literatur dieser Länder bei uns mit einem doppelten Vorurteil zu kämpfen: mit dem traditionellen Dünkel rechter Chauvinisten gegenüber den zum germanischen Lebensraum erklärten „Ostgebieten“ und ihren slawischen Bewohnern, und mit der hysterischen Abwehrreaktion der deutschen Linken gegenüber allem, was den Status Quo in Frage stellt: sowjetische Dissidenten, Anhänger der „Charta 77“ oder der Gewerkschaft Solidarität erscheinen aus dieser ideologisch geprägten Sicht als Friedensstörer oder als Störenfriede.

Daß in den sozialistischen Staaten Osteuropas in den letzten Jahren eine höchst originelle, kritische und subversive Literatur entstanden ist, die den Vergleich mit der Lateinamerikas nicht zu scheuen braucht, hat sich bei uns noch kaum herumgesprochen: Ich nenne nur, stellvertretend für viele, den Namen Milan Kundera. Zur Beurteilung dieser Art von Literatur hat die Kritik hierzulande, außer dem unscharfen Begriff des Dissidenten, noch kein adäquates Instrumentarium entwickelt: was nicht in diese enge Schublade paßt, wird gern ignoriert.

Mit seinem zweiten auf deutsch erschienenen Roman „Der dünne Strich“ versucht der aus Krakau stammende, zur Zeit bei Paris lebende polnische Autor Adam Zagajewski den wechselseitigen Mißverständnissen auf den Grund zu gehen, indem er der Westberliner Intelligenz einen literarischen Spiegel vorhält.

Zagajewski, Jahrgang 45, Verfasser von Lyrik, Prosa, Essays und einem Spiegel-Buch über Polen, schreibt aus autobiographischer Erfahrung: 1979/80, auf dem Höhepunkt des Streiks der Danziger Werftarbeiter, deren friedlichen Protest die Behörden mit der Verhängung des Kriegsrechts beantworteten, lebte er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdiensts in Berlin; Teilnehmern des letzten VS-Kongresses in Saarbrücken ist er durch sein beredtes Plädoyer über den kleinen Unterschied zwischen dem und einem Schriftstellerverband in frischer Erinnerung.

Zagajewskis Roman erzählt, literarisch sorgsam verfremdet, von den Erlebnissen eines polnischen Graphikers namens Henryk Oset, von seinen Freunden „dünner Strich“ genannt, in der Kunst- und Kulturszene West-Berlins. Mit bösem Blick, dabei kühl und emotionslos wie ein Insektenforscher, entlarvt der Erzähler den Opportunismus, die Seichtheit und Selbstgefälligkeit einer intellektuellen Schickeria, die sich mit durchsichtigen Denkmanövern um die Erkenntnis ihrer wahren Situation herumdrückt: Linke Literaten, die sich für Opfer politischer Unterdrückung halten, weil niemand ihre Bücher liest (nur ein chilenischer Schriftsteller, der am meisten Grund dazu hätte, stimmt in ihre stereotypen Klagen über die wachsende Repression nicht ein); Künstler, die vom Ende der Kunst reden, weil sie mit ihrer eigenen Kunst am Ende sind; und Friedensfreunde, deren Denken genauso grün uniformiert ist wie ihre Anoraks.

Obwohl mir Zagajewskis Kritik an den Symptomen ideologischer Verblödung, Denkfaulheit und Dummheit sehr sympathisch ist, hat mich seine Darstellung unserer Fehler und Schwächen literarisch nicht immer überzeugt. Das liegt nicht etwa daran, daß der Spiegel, den er uns vorhält, die Wirlichkeit subjektiv verzerrt und entstellt, sondern im Gegenteil daran, daß seine Sehweise mir nicht subjektiv genug vorkommt. Der Autor hat alle Spuren der eigenen Person, alles bloß Private aus seiner Komposition getilgt: Der Held seines Romans ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern ein Strichmännchen, ein dünner Strich wie das Fadenkreuz in einem Zielfernrohr, das keinen Schatten wirft und andere ins Visier nimmt, ohne selbst sichtbar zu werden. Vielleicht entsteht daraus der fatale Eindruck, daß der Erzähler sich ständig ins Recht setzt und alle anderen Personen ins Unrecht, ohne ihnen eine Chance und ohne sich selbst eine Blöße zu geben. Hätte Zagajewski ein Tagebuch geschrieben wie sein Landsmann Gombrowicz, wäre er mit sich selbst schonungsloser ins Gericht gegangen.