Von Elisabeth Wiesmayr

Ich muß so sitzen, daß er mich anschaut, sein Blick liegt mir im Gesicht wie eine Hand“; deine Blicke rissen Streifen in meine Haut“; Blicke, die „zu nah tun“, Augen, die „über die Menschen spazieren“: Das sind die zudringlichen und körperhaften Blicke, die einen in das Feld von Gewalttätigkeit und Bezauberung ziehen. Eine Lieblingsmetapher von Marieluise Fleißer für die Macht, die Menschen übereinander ausüben, aber auch für den Zwang der Opfer, sich auszusetzen, vergebliche Kraftproben, standzuhalten.

Die Schriftstellerin Marieluise Fleißer, selber ins Blickfeld geraten: Als sie, die in den zwanziger Jahren vor allem mit ihren Stücken „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ schon einmal literarischen Staub aufgewirbelt hat, nach mehr als dreißig Jahren wieder in die Öffentlichkeit tritt – 1963 erscheint im Hanser-Verlag die Erzählung „Avantgarde“, die sich als Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit und der für sie entscheidenden Begegnung mit dem jungen Bert Brecht entziffern laßt – sind es im Anschluß daran junge Autoren wie Fassbinder, Kroetz und Sperr, die sich in ihr eine literarische Mutter erfinden. Als Günther Rühle 1972, zwei Jahre vor dem Tode der Autorin, ihre „Gesammelten Werke“ bei Suhrkamp herausgibt, haben sich die Söhne bereits aus dem wiederentdeckten Œuvre eine Tradition für die eigene Schreibweise konstruiert.

Unter verändertem Blickwinkel setzt einige Jahre später die Rezeption durch die mit Literaturwissenschaft befaßten Töchter ein. Mit den Fragen nach den Bedingungen gerade der weiblichen Produktivität rückt das Nicht-Schreiben neben das Schreiben, erwachen Neugier und Verständnis auch für Lücken, Brüche, Verhinderungen. Das Interesse schwenkt auf die Biographie.

Nun hat Sissi Tax unter dem Titel „schreiben, überleben“ eine erste umfassende Monographie vorgelegt –

Sissi Tax: „marieluise fleißer – schreiben, überleben – ein biographischer versuch“; Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Basel, Frankfurt a. M., 1984; 333 S., Abb., 48,– DM.

Über Titelblatt und Umschlagrückseite laufen schräg zwei Photoserien: Die Fleißer in Berlin, in den späten zwanziger Jahren, aufrecht, die Hände in den Manteltaschen, Kurzhaarschnitt, Seitenscheitel mit asymmetrischen Stirnfransen, etwas Kompaktes in der Haltung, durchaus Entschlossenheit im Gesicht.