ZDF, Sonntag, 13. Oktober, 19.30 Uhr: „Eine Nacht im Atlantic. Johannes Mario Simmel und seine Welt“, Film von Heinrich Breloer und Hans-Christoph Blumenberg

Literarisch ambitionierte kritische Geister, am wohlsten sich fühlend zur Untermiete im heimeligen Elfenbeinturm ihres bewunderten Autors, haben gern einen Hang zum Trivialen. Sind sie doch frei von jedem falschen Verdacht bei dem Geständnis, sie läsen, sähen auch mal den neuesten Schocker von, na, wie heißt er gleich, Stephen King oder, im Vertrauen gesagt, „Indiana Jones“ hat ja was ...

Johannes Mario Simmel hatte bislang wohl wenige solcher afficionados. Der neueste Roman („Die im Dunkeln sieht man nicht“) des Penthouse-Bewohners allerdings hat nunmehr auch die Beietage der Feuilletons erreicht – sogar die einer (wohlwollenden) Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der weitsichtige Hans-Christoph Blumenberg widmete Simmel in der ZEIT schon 1983 einen überzeugten Aufsatz, aus dem er jetzt ein ganzes Drehbuch gemacht hat. Heinrich Breloer, bekannt durch Klaus Mann- und Arnold Zweig-Verfilmungen, drehte das ungewöhnliche Porträt: Simmel reist nächtens in einem Hamburger Nobelhotel an, erzählt aus seinem Leben. Schnitt. In einem Wiener Kaffeehaus (Simmel wurde in Wien geboren) sitzt der junge Autor Klaus Mario Schreiber (gespielt von Matthias Fuchs), schreibt, trinkt, und das nicht zu knapp, wird gerade „entdeckt“. Das ist eine von sieben Schlüsselszenen aus sieben Simmel-Romanen, die hier in bester Spielfilmmanier, unterbrochen von Interviews mit dem mittlerweile 61jährigen, seine Biographie simulieren sollen. War’s nicht so schön und kitschig, man meinte, dem zornigen Herrn Wondratschek oder dem tragischen Malcolm Lowry zu begegnen. Einmal in solcher Bar zu sitzen, in mitternachtsblauem Licht, und auf einen so gequälten, ja zerquälten Dichter treffen und ihn trösten zu dürfen, weil er seine Kohlen mit schlechten Illustrierten-Storys verdienen muß ... Aber ausschauen sollt’ er schon wie Matthias Fuchs, der noch den gealterten Simmel spielt wie bei John Huston gelernt.

Eine originelle Idee, einen Schriftsteller so im Fernsehen zu präsentieren und mit dieser Mischung aus Glamour und Facts die „Sehbeteiligung“ gegegenüber anderen Literatursendungen vermutlich zu erhöhen (nur warum der Autor mit starrem Blick wie ein Zombie durch die endlosen Hotelflure schleichen muß...?)

Man nimmt dem Sozialdemokraten Simmel ab, daß er ein überzeugter Antifaschist ist, man nimmt ihm ab, daß er vom Elend, von der Ungerechtigkeit in der Welt zum Schreiben getrieben wird, ja, daß er stürbe, „würde man mir das Schreiben verbieten“.

Aber eines hat Hans-Christoph Blumenberg vergessen: Schrieb er in seinem Aufsatz – bei aller Achtung – noch von „rüdesten Kolportagetricks“, über die „bizarrsten Elemente von Sex und Crime“, die Simmels Büchern doch wohl die zig Millionen Leser verschaffen – im Film hört man dazu kein Wort. Da erzählt Simmel zum Beispiel von den Vorarbeiten zu seinem Roman „Niemand ist eine Insel“, in dem er sich für geistig behinderte Kinder engagiert; erzählt, wie das Max-Planck-Institut ihn, den Autor mit der so großen Breitenwirkung, aufgefordert hat, sich des Themas anzunehmen; welche Schwierigkeiten ihm die Recherchen bereitet haben. Man liest in dem Buch nach, und es ist schon unglaublich, in welchen Schund dieses Engagement verpackt ist. Da hätte man doch, halten zu Gnaden, einmal nachfragen können, welche Mittel erlaubt sind, um den Zweck zu heiligen...

Schlußendlich! So aufwendig einmal Gert Jonke oder Brigitte Kronauer vorgestellt zu kriegen – das wünsche ich mir vom ZDF. Anna Mikula