Von Fritz J. Raddatz

Ein rätselhaftes Buch – weil es bei erster Lektüre keinerlei Rätsel aufzugeben scheint: Erschrocken über so viel Dilettantismus eines großen Erzählers und traurig über so arge stilistische Fahrlässigkeit eines pointensicheren Geschichtenschreibers klappt man diesen letzten Roman Heinrich Bölls zu, „Frauen vor Flußlandschaft“.

Und dann geht er einem nach. Die scheinbar schemenhaften Figuren hallen mit ihren anfangs für leer gehaltenen Sätzen nach, die Schatten beginnen zu huschen, zu wispern, zu leben. Ein Kabinett von Scherenschnitten beschäftigt unsere Phantasie. Die zweite Lektüre zeigt viele kleine, versteckte, kaum merkbare „Haken“ – Genauigkeit, konkrete Bilder. Der Roman verwandelt sich.

Aber ist es überhaupt ein Roman? Gewiß, auf dem Titelblatt, vor der etwas pessimistischen Widmung „Den Meinen an allen Orten, wo immer sie sein mögen“, steht das; dann kommen aber dreieinhalb Seiten Vorbemerkung, die sich liest wie das, was man im Film einen „Trailer“ nennt – Böll gibt „Details der äußeren Beschaffenheit“ seiner Figuren nicht im Text, sondern in diesem Avant-propos „Die beiden in ihrer inneren Beschaffenheit so verschiedenen Personen wie Paul Chundt und Graf Heinrich von Kreyl sind gleichaltrig, beide 70, sind auch gleich groß, etwa 1,73-1,74 m. Beide sind weißhaarig ohne auch nur den Ansatz einer Glatze; beide sind das, was man gepflegte Erscheinungen nennt. Sähe man sie beide zusammen, von weitem oder gar von hinten, wären sie zum Verwechseln ähnlich, fast austauschbar. Wenn man dagegen beide näher betrachtet, wäre man erstaunt, wie wenig sie sich gleichen: Kreyl ist hager, leidend, aber nicht krank nach irgendwelchen medizinischen Kategorien, auch nicht nach psychiatrischen. Chundt dagegen hat ein volles Gesicht, ein Typ, den man gewöhnlich vital nennt; er strotzt sozusagen von Gesundheit, und doch entdeckt man bei ihm bei näherem Zusehen eine überraschende Sensibilität.“

Ein Rollenbuch also. Und tatsächlich ist der Roman eher ein Drehbuch, beginnt mit einer ausführlichen Regieanweisung und arbeitet die 250 Seiten hindurch mit Vorschriften, die der Autor gibt: „schüttelt den Kopf“ oder „deutet auf das Dossier“, „geht wieder ab“ oder „tritt auf, festlich gekleidet, schwarzer Anzug und so“. Das Buch besteht ausschließlich aus Dialogen, es gibt keine „Autorenstimme“; vor längeren Prosapassagen steht wie vor Hamlets Auftritt „Monolog“. Anfangs ist man dieser abstrus und sorglos wirkenden Technik rasch überdrüssig, mag die ewigen „Sieht K. erstaunt an“- oder „Weint nicht ewigen Bemerkungen kaum noch lesen. Die sprechenden Personen nehmen keine Kontur, kein Eigenleben an, und die typisch Böllschen Dönsgens von einem, der so gerne Klaviere zerhackt, oder dem russischen Diplomaten, der geklaute Mercedes-Sterne sammelt (sie müssen aber wirklich gestohlen sein), wirken läppisch, bemüht, ausgedacht. Das Figurenensemble dieses Bonn-Romans, Politiker, Lobbyisten, Parteimanager und mittlere Unternehmer, denen allesamt ein brauner Schatten nachfällt, scheint austauschbar.

Doch dann, genau im Mittelteil des Romans – das sechste von zwölf Kapiteln steht die große Prosaetüde, der Monolog des Redenschreibers eines apfelgesichtigen Politikers, der beim Nachforschen für Biographie-Details, die sich in einer Wahlbroschüre hübsch ausnehmen könnten, „Apfelwanges“ alten Lehrer auftat, der ihm berichtete:

„Aber dieser kleine schlaue Hennes, so nannte man ihn hier, der war zweitens auf eine Weise dumm, auf eine Weise unintelligent, mit der sogar sie nichts anfangen konnten. Wissen Sie, es fehlte ihm auch nur der Ansatz einer Dimension, die man Geistigkeit nennt, eine Dimension, die Sie bei jedem Schwachsinnigen finden – nennen wir es Trauer, Schmerz, Angst, Verzweiflung, Sehnsucht, diesen Stich, wissen Sie, den jeder, der Herr Graf wie der Grubenarbeiter, hat. Unser Hennes war leer. Er konnte auswendig lernen, was immer sie ihm vorlegten – phantastisch, aber wenn ich ihn darauf ansprach und fragte, was er denn da aufsagte, da sah er mich an, als wüßte er nicht, was ich meinte. Ich wußte nie, ob ich ihm eine Eins oder eine Sechs geben müßte.“