/ Von Ulrich Schiller

Der KGB-Vertrauensmann in der Moskauer Anwaltskammersagte eines Tages: "Das wird bei uns nicht geschätzt." Dina Kaminskaja verstand sofort. Die so beiläufig klingende Wendung im Jargon des Apparates, die dem, der sie benutzt, Identifizierung mit der Macht und zugleich ihre Anonymisierung erlaubt, gleichsam als ob er selbst nur wohlgemeinten Rat erteile, schloß jeden Irrtum aus: Die "Organe" der Partei und der Staatssicherheit im Justizministerium hatten die Augenbrauen gehoben. Die angesehene und supergescheite Anwältin bekam ihre erste Verwarnung, ohne Formalität und ohne Begründung.

Dina Kaminskaia hatte – als andere zurückzuckten, weil dergleichen ja doch nie gut endet – nach der einfachen Logik ihres Berufsverständnisses in die Verteidiung der wegen antisowjetischer Verleumdungen angeklagten Schriftsteller Daniel und Sinjawskij eingewilligt, sie hatte den Dissidenten Vladimir Bukowskij verteidigt, hatte Pawel Litwinow vertreten, als dieser, der Enkel des zweiten sowjetischen Außenministers, wegen der Demonstration auf dem Roten Platz gegen die Besetzung der Tschechoslowakei vor Gericht stand. Dina Kaminskaja hatte sich auch für die Krim-Tartaren eingesetzt, die in öffentlichen Protesten das Recht auf Rückkehr in die ihnen von Stalin genommene Heimat forderten. Dinas tägliches Brot waren ganz gewöhnliche Strafprozesse. Einmal war ein Mädchen vergewaltigt und ermordet worden. Zwei junge Männer standen im Verdacht, die Tat begangen zu haben, und ein karrierewütiger Staatsanwalt tat alles, um mit konstruierten Beweisen ihre Überführung zu erzwingen. Die Burschen wären geliefert gewesen, hätte nicht Dina Kaminskaja mit kriminalistischem Spürsinn ihre Unschuld nachgewiesen. Soldaten waren die Täter gewesen – eine dramatische Episode, die Dina Kaminskaja in ihrem Buch "Final Judgement" ("Als Strafverteidigerin in Moskau", Beltz-Verlag) faszinierend beschrieben hat.

Am 16. November 1976 folgte der Warnung des KGB-Mannes eine Haussuchung. Angeblich suchten die Organe Dissiaentenadressen, antisowjetische Literatur und Beweise von Kontakten zu westlichen Korrespondenten. Was sie fanden – vermutlich zu ihrer eigenen Überraschung –, war das Manuskript eines Buches "Die korrupte Gesellschaft". Konstantin Simis, Dinas Mann, ein hochgestellter Jurist im Gesetzgebungsinstitut, hatte es geschrieben. Er wollte es unter Pseudonym im Westen drucken lassen.

Dusja und Kostja, wie die beiden von Freunden genannt werden, hatten keine Illusionen, daß mit der Beschlagnahme des Manuskripts die größte Wende in ihrem Leben eingebrochen war.

Seit 1978 sind sie Emigranten. Kürzlich habe ich sie in ihrer Blockhütte besucht, die sie seit einer Reihe von Jahren in den Adirondacka Mountains für ein paar Ferientage mieten. Wald, ein kleiner See, würzige Luft, Bücher, ab und zu ein Freund, Gespräche bis in die Nacht – fast ein bißchen Rußland. Heimweh? "Nein, nicht nach Moskau oder nach all dem, was wir in unserer Wohnung an der Botkin-Allee verloren haben. Aber unglaubliche Sehnsucht nach den alten Freunden, die wir nie wiedersehen werden."

Dinas Vater entstammte einer armen jüdischen Familie in der ukrainischen Provinz. Dennoch schaffte er ein juristisches Studium an der Universität Charkow und brachte es bis zum Vize-Direktor einer Bank. Dann kam die Oktoberrevolution, und er wurde zum Rechtsanwalt hoffnungsloser Fälle, die meistens mit Erschießung endeten. Obwohl der parteilose Spezialist in der Sowjetära bis zum Direktor der Industriebank aufstieg, blieb ihm die despotische neue Gesellschaftsordnung ein Abscheu. Die 1920 geborene Dina wurde zwar nicht in antisowjetischem Sinne erzogen, aber eben anders als die meisten ihrer Altersgenossinnen: im breiten Interessenfeld des Vaters, der seine häusliche Welt mit Literatur und Musik anfüllte. Die späten dreißiger Jahre mit ihren Säuberungen prägten Dina. Sie fuhr als Advokatspraktikantin mit einem Staatsanwalt regelmäßig von Moskau aus in die Provinz, um das "Vermögen" derjenigen zu erfassen, die als "Volksfeinde" verurteilt und deponiert oder erschossen worden waren: "Zum ersten Mal sah ich, daß das, was ich in den sowjetischen Zeitungen las, nicht die Wahrheit war."