Von Johannes von Dohnanyi

Tunis im Oktober

Der Taifun sucht diese Region heim. Erinnern Sie sich an das, was ich sagte, als ich Beirut verlassen mußte: der Vulkan und der Taifun sind noch lange nicht gestoppt. Damals lachten mich alle aus. Aber schauen Sie sich an, was in diesen drei Jahren geschehen ist. Der Taifun ist unterwegs und niemand weiß, welche Ausmaße er erreichen wird."

Nur Stunden zuvor hatte ein palästinensisches Terrorkommando den italienischen Luxusliner "Achille Lauro" vor der ägyptischen Hafenstadt Alexandria entführt; Palästinenserführer Jassir Arafat sieht seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Der israelische Luftangriff in den Morgenstunden des 1. Oktober auf sein Hauptquartier in dem tunesischen Badeort Hammam Chott hat eine neue Spirale der Gewalt und gegenseitiger Repressalien in Bewegung gesetzt, die alle Reste des verbliebenen brüchigen Gleichgewichtes in der Region in die Luft zu sprengen droht.

"Der Taifun", sagt Arafat in dieser Nacht der ersten Entführung eines Passagierschiffes als Faustpfand im Nahostkonflikt, "der Taifun wird hier alles in die Luft jagen, wenn es nicht schnell zu einer gerechten Lösung der Palästinenserfrage kommt. Und dazu werden auch die amerikanischen und die westlichen Interessen allgemein gehören. Erinnern Sie sich an das, was im Iran geschehen ist. Und an das, was im Libanon geschah und immer noch geschieht."

"Sogenannte Palästinenser" hätten das 23 269 Tonnen große italienische Luxusschiff gekidnappt, hatte PLO-Sprecher Ahmed Abdelrahman noch in der Nacht zum Dienstag erklärt. Es war ein ebenso verzweifelter wie in den letzten Jahren immer wieder erfolglos gebliebener Versuch, den moderaten Flügel der PLO aus dem unvermeidlichen Sog der Verdächtigungen um die Verantwortung für den internationalen Terror herauszuhalten. Am nächsten Morgen wußte er schon mehr: Mitglieder der beiden vor einem Jahr von der PLO abgefallenen und heute von Syrien kontrollierten radikalen Flügel der palästinensischen Befreiungsfront (PLF) sind die mutmaßlichen Urheber der Schiffsentführung. "Wenn die Terroristen Gewalt gegen die unschuldigen Geiseln anwenden, werden wir sie zu bestrafen wissen. Wir werden versuchen, sie vor ein Gericht der PLO zu bringen."

Es ist eine unheimliche Verschwörung, die Jassir Arafat, Jahrgang 1929, gegen sich gerichtet sieht. Eine Verschwörung des kollektiven Irrsinns, der "Hölle Nahost", wie der PLO-Vorsitzende die Region ganz offen nennt, und die sich gegen die Palästinenser genauso richtet wie gegen die Libanesen: "Der Libanon soll von sektiererischen Elementen in vier Kantone geteilt werden. Dies ist eine israelisch-amerikanische Verschwörung, an der das syrische Regime jedoch vollständig beteiligt ist. Das ist der Beginn der Balkanisierung der gesamten Region. Und wenn wir es zulassen, daß diese Verschwörung fortdauert, dann wird sie sich auf alle Länder des Nahen Ostens auswirken. Ich habe das in der Vergangenheit immer wieder gesagt, vor den verschiedensten Gremien und auf den verschiedensten Niveaus. Und ich kann diese Meinung heute nur wiederholen."