Von Erika Wantoch

Was blieb? Eine Phiole aus Glas mit silbernem Deckel zum Aufbewahren der Zahnbürste. Eine Haarbürste; Holz mit feinsten Borsten. Die handgeschriebene Anzeige einer Erpressung, im April 1938 an die Staatsanwaltschaft Wien adressiert. Ein ledergebundenes Gebetbuch mit Goldschnitt, gedruckt 1885 in Budapest. Drei Photographien. Die eine, offenbar noch aus Polen, zeigt einen sehr jungen, bartlosen Mann mit dichtem Haar, mit Stehkragen, Schlips und legerem Anzug. Der Kopf ist nicht bedeckt, der Gesichtsausdruck erwachsen, selbstbewußt, vielleicht etwas herrisch. Der Mann hat auf dem nächsten Bild volle, ein wenig gedunsene Züge. Er ist um die Vierzig, gut gekleidet, glatt rasiert. Ein sattes, fast triumphierendes Lächeln umspielt seine Lippen, als stände er auf dem Gipfel seines Erfolges und als genösse er das. Das dritte Abbild schließlich. Mageres Gesicht, eingefallene Wangen, Schnurrbart über einem schmalen Mund. Schreckhaft geöffnete Augen, die starr geradeaus schauen. Sie schauen in die Kamera der Gestapo.

Wilhelm Wolf Spinrad, geboren 1893, Jude aus Ostgalizien. Seinen hebräischen Vornamen Zeev führt er später in der deutschen Übersetzung. Er stammt aus der Kreisstadt Stryi, deren Einwohnerschaft damals zu nahezu der Hälfte jüdisch ist. Stryi hat eine christliche Buchhandlung und eine israelitische, einige Fabriken und Hotels, zahlreiche Mühlen, ein Dutzend jüdischer, koscher geführter Speisehäuser, ein halbes Dutzend Cafés mit polnischen, ruthenischen, jiddischen, deutschen und ausländischen Zeitungen.

Spinrads Vater ist eher begütert, Mühlenbesitzer, und seine Frau gebiert sechs Kinder. Deren jüngstes ist Wilhelm. Er spricht polnisch und jiddisch, beides Sprachen, die Spinrad später aufgibt zugunsten von Deutsch. Deutsch ist die Sprache, in der er arriviert. Deutsch, das ist Leistung, Emanzipation. Akzentfrei beherrscht er es nie.

Ein Bruder stirbt an einem Lungenleiden, die anderen Geschwister fallen später der Vernichtung anheim. Spinrads Eltern haben auf gute Schulbildung der Kinder geachtet, und nach dem Cheder, der Elementarschule für jüdische Knaben, sowie der Pflichtschule löst sich lediglich Wilhelm aus dem heimatlichen Milieu, wird Kaufmann, ohne das Metier erlernt zu haben und geht, 1914 vielleicht, vielleicht erst 1916, mit einer nicht zu großen Barschaft nach Wien, wo er niemanden kennt. Mit ihm geht Chaje Hoffnung, seine Braut.

Chaje Hoffnung war in Bolechow, einem kleinen Ort nahe von Stryi außerehelich zur Welt gekommen und fromm aufgewachsen, überaus fromm und arm. Sie hatte ihren künftigen Mann um 1911 kennengelernt. Spinrad trug Trauer, denn beide Eltern waren binnen eines Jahres gestorben. Er war kräftig, selbstbewußt und unternehmend; sie war zart, traurig, ein halbes Jahr jünger als er. Später ergänzte sie ihren jüdischen Namen „Chaje“ um „Klara“.

Sie sind Anfang 20, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Aus Furcht vor der Einberufung unterläßt es Spinrad zunächst, sich in der Reichshauptstadt zu melden. Kann sein, daß er einen Schuhnandel aufmachte oder einen Lebensmittelhandel und daß er an der Börse spekulierte. Jedenfalls werden, am 22. Februar 1921, die im zweiten Wiener Gemeindebezirk „Leopoldstadt“, Rembrandtstraße 32, wohnhaften Brautleute „Nach den Gesetzen des Staates und der Religion“ vom Rabbiner Dr. Mayersohn im Stadttempel getraut. Im selben Jahr kommt ihr erstes Kind zur Welt und erhält zwei Vornamen, Jonas nach dem Großvater väterlicherseits und Johann, eine sozusagen bodenständige Willenserklärung. Nicht, daß Wilhelm Spinrad sein Judentum aufzugeben im Sinne hat, aus Gleichgültigkeit oder Uberzeugung. Nicht, daß er mit dem Gedanken auch nur spielte, sich der christlichen Umgebung zu assimilieren, ein seine Vorteile kalkulierender Geschäftsmann ohne Bindung und Vergangenheit. Nicht, daß seine jüdische Identität sich gleichsam aufgelöst hätte, ein obsolet gewordenes Relikt. Ein neues Selbstverständnis ist ihm aber zugewachsen, das des aus eigener Kraft, Initiative und aus kreativem Geschäftsgeist reüssierenden Alleinunternehmers, der Erfolg als Ansporn versteht, Erfolge zu mehren. Siege werden nicht gefeiert, sondern sind die vorzeigbaren Attribute eines Weges in Etappen ohne Ziel.