Von Wend Kässens

Sechs obszöne Arrangements: Der Romancier P. steckt in einer Schaffenskrise und erhofft sich Stimulanz durch eine nackte Dame mit Schwein. Frau von C., Spezialistin für eine Literatur der Begierde, wird von ihrem Angestellten heimgesucht und durch seine Phantasie über ihr Intimleben an einen Abgrund der Lust getrieben – sie revanchiert sich mit Vorschlägen für raffiniertere Spekulationen. Herr B. studiert am Gardasee die Frauen und verliert sich in den Lippen einer Kritikergattin – durch Gedärme und Gräten eines gemeinsam überwältigten Fisches fressen sich die eifrigen Münder der beiden aufeinander zu, bis der Besitzer der Angel sie in den See treibt. Die Kritikerwitwe verspricht sich von einem Gedicht des Dichters Z. Erlösung und läßt sich in einer geistigen Übung zur besseren Wirkung das Gedicht rektal verabreichen. Der Dramatiker A. wird Zeuge eines intimen Dialogs, der mit einem angeblichen Herzinfarkt des Altpräsidenten endet – und muß erkennen, daß nur ein Spiel um Liebe, Lust, Tod und Geld seine monatliche Wiederholung findet. Ein Schäferhund, dessen Geschlechtsteil von Mädchenhänden massiert wird, irritiert den Romancier P. bei einer Lesung so, daß er aus dem Konzept kommt und wie aus Versehen in ein neues hinübergleitet – vom Leben als Hund erzählt er und beginnt vor Lust erbärmlich zu jaulen.

In Bodo Kirchhoffs 1980 in Frankfurt uraufgeführtem Stück „An den Rand der Erschöpfung weiter“ versucht ein Namenloser an einem Undefinierten Ort bis zur Erschöpfung und darüber hinaus durch traumatische Sprach-Einfälle die Zeit und den Raum seiner Existenz zu markieren und damit neben der Anwesenheit der Sprache auch seine zu behaupten. Diese Beckettsche Situation ohne erkennbare Geschichte eröffnet die Möglichkeit, mit der Sprache zu spielen, scheinbar alles sagen zu können, da es Übereinkünfte, Voraussetzungen, Regeln, Tabus nicht gibt.

Dabei kann das Gesagte alles und nichts bedeuten, in diesem geschichtslosen Raum verweist es nur auf sich. Dieses Modell, das Kirchhoff so lange durchspielt, bis der Zuschauer von der Anstrengung des Verstehen-Wollens und des Bedeutung-Suchens selbst an den Rand der Erschöpfung gelangt, ist der exemplarische Versuch einer Grenzüberschreitung.

Kirchhoff begibt sich mit seinen Dramen, Geschichten, Novellen und einem Roman auf die Spur des noch nicht Bedeuteten, des Ver-rückten, des Unsagbaren, des Unbewußten – auf die Spur des „unheimlich Anderen“, das sich dem „Begehren nach Ein- und Demselben“ (Kirchhoff) widersetzt und sich in der Sprache Bahn bricht als Versprechen.

Mit anderen Worten: Er bezeugt dem Leser/Zuschauer nicht das erwartete oder erwünschte, also gekannte Bild von Gut und Böse, von richtig und falsch, von oben und unten, von wahr und unwahr – und attackiert den verinnerlichten Logo- und Egozentrismus durch die Behauptung einer Sprache des Unbewußten, die dem Sprecher ohne Einflußmöglichkeit widerfährt. „Auf einem anderen Fotod ... welches etwa hier hing ... gefähr dort hinten da, waren die Geschlechts ... zuteil ... .gehörigkeit... die erste Hörigkeit, die erste und die letzte ...“ sagt der Namenlose im Stück. Hier wird nicht erzählt, Sprache nicht benutzt (Sartre: „Dichter sind Leute, die sich weigern, die Sprache zu benutzen“) – hier kommt vor allem zur Sprache, was zählt.

Der an dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan geschulte Kirchhoff bezeichnet sich deshalb konsequent als Schreibkraft und nicht als Autor, weil der Schriftsteller – so Kirchhoff – in Wahrheit von Einfällen lebt, denen er die eigene Absicht nachträgt. Mit Lacan ist Kirchhoff der Ansicht, daß es ein Ich und somit Autorschaft nur als Phantasma gibt. Grundlage dafür ist die von Lacan entwickelte Theorie der Verdrehung im sogenannten „Spiegelstadium“, nach der sich das Kleinkind im Spiegel erstmals als „Ganzes“ sieht, sich gegen das Gefühl seiner Uneinheitlichkeit mit dieser Illusion identifiziert und dadurch eine totale Einbildung von sich selber errichtet (mit dem Lacan-Zitat „Ich denke da, wo ich nicht bin“ war ein Aufsatz Kirchhoffs über Lacan in der ZEIT vom 28. 11. 1980 überschrieben). Das vom Augen-Blick in den Spiegel abhängige Spiegelbild, also das Abbild eines Abbilds, die Übersetzung, das Bedeutete wird für das Ich, das Original genommen, um die körperliche Zerrissenheit als Folge der Abnabelung von der Mutter zu verdrängen.